• add Der Bau der romanischen Kirche

    Georgplastik von 1974 im Turmeingang

    Die jetzige Kirche ist nicht der erste sakrale Bau, der in Bonlanden errichtet worden ist. Von ihrer Vorläuferin, die bereits seit mindestens Mitte des 13. Jahrhunderts am selben Platz auf einer Anhöhe an der östlichen Seite des Dorfes gestanden haben dürfte, ist allerdings archäologisch und urkundlich nichts mehr greifbar. Der Ort Bonlanden wird zum ersten Mal in einer Urkunde von 1269 erwähnt, die von einer Schenkung des Ritters Wolfelin von Bonlanden an das Kloster Bebenhausen handelt. Sechs Jahre später findet sich die früheste Nennung der Kirche im Freiburger Diözesanarchiv. Der Liber decimationis des Bistums Konstanz, zu dem der südliche Teil Württembergs gehörte, berichtet von einem „Rektor“ an der Kirche in Bonlanden, der 20 Pfund Kirchensteuern zahlen musste. Zu jener Zeit waren Plattenhardt und Harthausen im Unterschied zu Bonlanden noch keine selbständige Pfarreien, sondern gehörten als Filialen nach Bernhausen. Bonlanden war allerdings keine Urpfarrei, sondern dürfte vermutlich von Sielmingen aus gegründet worden sein, da der Kirchenpatron St. Georg erst seit den Kreuzzügen verehrt worden ist. Von daher ist eher unwahrscheinlich, dass in Bonlanden vor der romanischen Steinkirche eine schlichte Holzkirche existiert hat, wie für Bernhausen und Sielmingen angenommen wird. Da in Bernhausen, Plattenhardt und Sielmingen unter den spätgotischen Bauten Überreste der romanischen Vorgängerkirchen aus der Mitte des 11. Jahrhunderts bis Anfang des 13. Jahrhunderts gefunden wurden, wird die Bonländer „Urkirche“ wohl auch in dieser Zeit errichtet worden sein. Sie dürfte vom Grundriss her um die Hälfte kleiner gewesen sein (15 m Länge statt 30 m Länge) als der Nachfolgebau.

    Als Heiliger, dem das kleine Steinkirchlein geweiht wurde, wird, wie erstmals aus einem Lagerbuch des Jahres 1559 zu entnehmen, der Hl. Georg angeführt. Er war einer der 14 Nothelfer, dessen Verehrung besonders von dem Schwarzwaldkloster St. Georgen gefördert wurde. Georgios entstammte einer Offiziersfamilie im kleinasiatischen Kappadozien und wurde etwa 270 n. Chr. geboren. Sehr jung trat er in das römische Heer ein und stieg dank seiner Tapferkeit rasch zum Offizier auf. Im Jahr 303 wollte er Kaiser Diokletian, dessen Gunst er sich erfreute, nicht nur von seinem Vorhaben der Christenverfolgung abbringen, sondern zugleich auch für den christlichen Glauben gewinnen. Der Kaiser befahl daraufhin seine Verhaftung, und als alles Zureden so wenig wie die Folterungen den jungen Mann zum Glaubensabfall bewegen konnten, gab der Imperator den Befehl zu seiner Hinrichtung. Vor seiner Verurteilung durch das Schwert verteilte der gläubige Offizier noch alle seine Habe an die Armen und betete um die Standfestigkeit seiner Mitchristen. Seine Verehrung als Erzmärtyrer ist ab dem 5. Jahrhundert im Osten, ab dem 7. Jahrhundert auch in Rom nachweisbar. Erst im 11. Jahrhundert übertrug die Volksfrömmigkeit auf das Bild des Blutzeugen noch das uralte mythologische Motiv des Drachentöters. Die Legende hatte folgenden Inhalt: Ein furchtbares Ungetüm, in einer Lagune Lybias vor der Stadt Gilena hausend, versetzte die weite Umgebung in Angst und Schrecken, indem es sich nur durch Kinderopfer davon abhalten ließ, alles um sich herum zu verderben. Schließlich war auch die schöne Königstochter Margarethe an der Reihe und wurde dem schauerlichen Pfuhl entgegengeführt. Da sprengte im letzten Moment der kühne Ritter Georg heran, warf sich dem Untier entgegen und durchbohrte mit seiner Lanze dessen giftgeschwollenes Herz. Die Prinzessin konnte dem Drachen ihren Gürtel als Halsband umlegen und ihn in die Stadt ziehen, wo ihn Georg mit dem Schwert tötete, nachdem der König mit allem Volk sich hatte taufen lassen. Ehe der König dem Retter seines Kindes danken konnte, war dieser auf und davon. Aber König und Volk gaben von da an dem wahren Gott, in dessen Namen Georg den Drachen besiegt hatte, die Ehre. Bereits im 5. Jahrhundert wurden im Orient dem späteren Schutzpatron der schwäbischen Ritterschaft Kirchen geweiht, sogar das Land Georgien wurde nach ihm benannt. Ab dem 12. Jahrhundert wurde Georg als Reiter zu Pferde im Kampf mit dem Drachen dargestellt. England erkor sich 1222 den Hl. Georg zu seinem Patron und machte den 23. April, den Tag seines Martyriums (Georgi) zum Nationalfeiertag, auf den sich viele Wetterregeln gründen. Früher war der 23. April auch einer der Tage des Dienstwechsels des Gesindes und der Zinstage.

    Außer dem Namen ist noch etwas weiteres aus der Vorgängerkirche auf die jetzige Generation gekommen: der Kruzifixus. Ein wohl oberschwäbischer Bildhauer hat im 14. Jahrhundert – ob mehr gegen Anfang oder gegen Ende, darüber gehen die Meinungen der Experten auseinander – dieses Werk angefertigt. Stilistisch steht ihm die bronzene Grabplatte des Bischofs Wolfhart von Rot (gest. 1302) im Augsburger Dom am nächsten. Der Kruzifixus  ist Ausdruck der mystischen Geisteshaltung, die nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Kunst des 14. Jahrhunderts zu einem sichtbaren Wandel geführt hat. Mit dem Aufblühen der Mystik verknüpft ist die Entwicklung des Andachtsbildes. So berührt das Bonländer Kruzifix mit den geschlossenen Liedern, dem geöffneten Mund und dem gesenkten Haupt nicht durch seine realistische Darstellung, sondern durch die stille und innerliche Verdeutlichung der Leidens Christi, in die sich der Betrachter versenken soll.

    Geschnitzt in Holz – aus Linde oder Pappel – war der Korpus ursprünglich wohl auf einem Astkreuz befestigt. Die zunächst vorhandenen Kopfstrahlen in der Dornenkrone sind inzwischen zum Teil abgebrochen oder fehlen. Das Original hatte eine farbige Fassung, die in den rotgefärbten Tiefen der Seitenwunde noch am besten erhalten ist. Die Dornenkrone war grün, das Lendentuch von einem leuchtenden Rot.

    Die Kirche, der Kirchensatz (Einsetzung des Pfarrers) und der Widumhof, mit dessen Erträgen der Pfarrer unterhalten wurde, gingen 1395 bzw. 1402/03 samt Dorf und Rittergut 1400 in den Besitz des Grafen Eberhard III. der Milde von Württemberg (1364 – 1417) über, der bereits seit einiger Zeit die Oberhoheit über die einstige Fildergrafschaft besaß. Die Geistlichen, die vor der Reformation an der Georgskirche gewirkt haben, sind nicht alle namentlich bekannt. Aus dem Jahr 1275 ist nur überliefert, dass es hier einen Pfarrrektor gab. Vor 1437 war Georg Zwig Pfarrer in Bonlanden, danach Ulrich Schnebellin.  Ihm folgte Johann Ellwanger. Vom 2. Oktober 1447 bis 20. Dezember 1460 amtierte der Kleriker Jacobus Pistoris, Mitglied der Stuttgarter Priesterbruderschaft, als Ortsgeistlicher in Bonlanden. Er erlebte kurz nach seinem Amtsantritt den Städtekrieg zwischen dem Grafen Ulrich V. von Württemberg (1413 – 1480) und den Reichsstädten, bei denen die Kirchengebäude in Bernhausen und Sielmingen am 4. November 1449 schwer beschädigt wurden. Nach jahrzehntelangem Sparen und Sammeln konnten dort die romanischen Vorgängerbauten durch spätgotische Gotteshäuser ersetzt werden, in Bernhausen die Jakobus-Kirche 1475 und in Sielmingen die Martinskirche 1489, wie die Schlusssteine ausweisen. Ob auch die Bonländer Kirche in jener Zeit irreparable Schäden erlitten hat, ist urkundlich nicht festgehalten. Jedoch legt es sich nahe, da die Neubautätigkeiten zeitnah zu denen der Nachbargemeinden einsetzten. Erstaunlich ist nur, dass Bonlanden als erste der Filderdörfer einen gotischen Kirchenneubau erhielt, obwohl der Ort im Vergleich relativ klein und arm war. Dieser Umstand erklärt sich jedoch vermutlich aus der Pfarrstellenneubesetzung in Bonlanden, der im Jahr 1460 vollzogen wurde.

  • add Der Bau der spätgotischen Kirche

    Die kirchlichen Verhältnisse in Bonlanden änderten sich nämlich grundlegend, als mit Nikolaus Pur (Bauer) am 20. Dezember 1460 einer der damals bedeutendsten Geistlichen Württembergs die Pfarrstelle in Bonlanden verliehen bekam. Nikolaus Pur, zuvor Kirchrektor in Willmandingen, Griesingen und Nürtingen, verfügte trotz seiner niedrigen Rangstufe im Stuttgarter Stift als ehemaliger Hofkaplan über beste Beziehungen zum Hof der württembergischen Herrschaft. Der gräfliche Rat und Notarschreiber wollte sich mit den baulichen Gegebenheiten der bisherigen Unterbringung der Geistlichen und der alten und vermutlich seit 1449 teilweise beschädigten Kirche in Bonlanden nicht abfinden. Ausgestattet mit Pfründen und Einkünften aus der Stuttgarter Marienkaplanie, des Heilig-Kreuz-Altars in der Stuttgarter Stiftskirche und der Propstei in Lauffen ging er konsequent eine Neuordnung der Verhältnisse an. Am 17. Februar 1466 erhielt er schließlich von Graf Ulrich V. die Erlaubnis, auf dem „wüsten“ Burgstall zu Bonlanden ein neues Pfarrhaus zu bauen, woraufhin er das alte mit Scheune und Graben verkaufte. Das neue Domizil aber war erst 1470 bezugsfertig, denn die seit dem 12. Jahrhundert vom Rittergeschlecht von Bernhausen errichtete Burg war seit längerer Zeit bis auf die Grundmauern zerfallen. Im Jahr 1450 hatte Graf Ulrich V. dem Schultheiß Beck die Burg als Erbzinsgut für einen Scheffel bzw. 100 Liter Hafer jährlich überlassen, so dass 1463 der Schultheiß seinen Mitbürgern gestatten konnte, den Brunnen im Burggraben zu benutzen. Diese Vergünstigung gewährte auch der Ortsgeistliche seinen Nachbarn, nachdem er in den Besitz des Burggeländes gekommen war. Das neue Pfarrhaus, errichtet auf den bis zu 1,4 m starken Grundmauern der alten Burg, fiel allerdings bescheiden aus und wurde 1582 wie folgt beschrieben: „Eine Behausung mit 2 Stuben samt ein Keller darunter, Stallung und Hofraum mit einer Mauer umfangen, dazu eine Scheuer.“ Ein Geheimgang, der zur Wette führte, wurde wegen Einsturzgefahr nach dem Zweiten Weltkrieg zugemauert. 

     

    Wenige Jahre nach dem Pfarrhausneubau trieb der rührige Bonländer Pfarrrektor den Kirchenneubau voran, dessen Vorbereitungen bereits im Gang waren, als er seine Pfarrstelle in Bonlanden am 4. Juli 1470 durch die sog. Resignation (Verzicht) an den wohl mit ihm verwandten Burckhard Pur weitergab. Gleichwohl blieb Nikolaus Pur bis zu seinem Tod am 20. Juni 1482 für Bonlanden zuständig, so dass Burkhard Pur erst danach bis 1492 offiziell als Kirchrektor für Bonlanden amtierte.  

    Ein urkundlicher Beleg für die Erbauung der jetzigen Kirche ist bisher nicht aufgefunden worden. Deshalb wurde im Herbst 2002 eine dendrochronologische Altersbestimmung des Chorgebälks durchgeführt, die zu folgenden interessanten Ergebnissen führte: Die untersuchten Eichenstämme wiesen das Fälldatum Sommer 1471 sowie Winter 1471/72 auf. Da davon auszugehen ist, dass das Holz nicht lange eingelagert, sondern relativ zeitnah verarbeitet worden ist, kann man mit ziemlicher Sicherheit den Kirchenbau auf die Jahre 1472/73 datieren. Es ist dabei nicht von der Hand zu weisen, dass die ganz aus Quadern erbaute Kirche teilweise mit den Steinen der zerfallenen Burg des Bonländer Ortsadels errichtet worden ist.

    Der nach Osten und damit zur aufgehenden Sonne als Symbol der Auferstehung Christi ausgerichtete Kirchenbau bestand aus einem fünfeckigen Chor, 7,5 m lang, 7,1 m breit, 14 m hoch, dem einschiffigen Langhaus, 17,5 m lang, 7,1 m breit, 12,6 m hoch, und dem ca. 6 m langen, 6,5 m breiten und 35 m hohen Turm. Im Chor mit dem Netzgewölbe und den fünf wohl farblich verglasten Fenstern war das Chorgestühl für die Kleriker untergebracht, das allerdings verloren ging. Die Bemalung des Chores wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts vor der Reformation vorgenommen, wie die Zahl 15... auf der Rückseite des Chorbogens belegt. Das Fresko an der nördlichen Chorwand stellt die Krönung Marias dar. Flankiert von je einem Engel mit Instrumenten in der Mitte Maria, rechts von ihr Gottvater, links Christus mit der Weltkugel in der Hand, darüber das Symbol des Hl. Geistes, die Taube. 

     

    Gottvater und Christus halten eine Krone über das Haupt der Gottesmutter. Weitere drei Engel umschweben die Gruppe. In derselben Seitenwand des Chores befindet sich die Sakramentsnische, die ursprünglich mit einem Gitter versehen war. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde in die Wand eine „Credenz“ eingelassen, wenn es sich nicht um eine Nische für eine Heiligenfigur handelt. Die Malerei auf dem Hintergrund könnte eine „Johannesminne“, Jesus mit dem Lieblingsjünger an der Brust, darstellen. Die Wandmalereien sind in Seccotechnik, d.h. direkt auf den trockenen Grund, nämlich auf eine 1 mm starke Kalkschicht aufgebracht worden. Sie haben dadurch nicht die Haltbarkeit der Frescomalerei. Die ursprünglichen Farben waren dabei von einer unglaublichen Leuchkraft.

     

     

    Das schmale Kirchenschiff wies ein gotisches Netzgewölbe und zwei schlanke gotische Fenster auf jeder Seitenwand auf, die allerdings nur notdürftig Licht spendeten. Es hatte keine Säulen und auch keine Bänke, die Leute standen bei den Messen, so dass an die zweihundert Personen Platz gefunden haben dürften.  

     

     

    Der Turm wurde, wie die armbrusttauglichen Schießscharten nahe legen, als Wehrturm wie üblich gen Westen zur symbolischen Abwehr der dämonischen Mächte errichtet. Er war wohl nur durch eine hohe Einsteigtüre von der Kirche aus zugänglich, so dass Angreifer zuerst die Kirche hätten betreten und damit das Asylrecht brechen müssen. An der Decke des Vorraums im Turm wurde ein Fünfstern (Pentagramm) angebracht, der als uraltes Christussymbol für die fünf Wunden Christi steht: Zwei Nägelmale an den Händen, zwei an den Füßen und ein Lanzenstich an der Seite.

    Ferner wurde eine 170 kg schwere Glocke aufgehängt, die von Hans Eger in Reutlingen gegossen worden war, der auch die Glocke der Peter- und Paul-Kirche in Gönningen 1483 und die Vier-Evangelisten-Glocke in Plattenhardt 1508 gefertigt hatte. Die Bonländer Glocke weist den Grundton E auf und trägt die Namen der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Bis 1973 wurde sie von Hand als Taufglocke geläutet, da ihr Klang mit dem Geläut der anderen Glocken nicht mehr harmoniert.

     

     

    Zur Verteidigung war auch der ummauerte Friedhof um die Kirche herum eingerichtet worden. Im Süden, teilweise auch im Westen und Osten bot ein Steilhang einen natürlichen Schutz. Dazu kam die rings um Friedhof und Kirche laufende Kirchhofmauer, hinter die sich in Kriegsfällen die Einwohner samt Vieh und Vorräte in Sicherheit bringen konnten. Aufgrund der in Echterdingen und Plieningen erhaltenen Reste ist anzunehmen, dass auch die Mauer in Bonlanden eine Höhe von drei bis vier Meter aufwies, so dass sie den Zweck einer kleinen Fluchtburg voll und ganz erfüllte.  

    Obwohl der spätgotische Bau recht schlicht gehalten war, überstieg er mit Sicherheit das Finanzaufkommen der armen Dorfgemeinde mit der kleinsten Gemarkung auf den Fildern, so dass es ohne große Opfer der Bevölkerung und die Unterstützung durch Nikolaus Pur damals sicher nicht zu einer neuen Kirche gekommen wäre. Relativ zeitnah wurden auch die anderen spätgotischen Gotteshäuser auf den Fildern in Bernhausen (Jakobuskirche 1475), Plattenhardt (Antholianuskirche ca. 1480) und Sielmingen (Martinuskirche 1483) in Gebrauch genommen.

    Am 21. April 1477 erwarb das Stuttgarter Heilig-Kreuz-Stift die Patronatsrechte über die Kirche von Bonlanden. Diese Inkorporation in das Chorherrenstift fand auf Veranlassung von Graf Ulrich V. der Vielgeliebte (1413 – 1480) von Württemberg in der Stuttgarter Stiftskirche statt. Zwei Monate später wurde das ius patronatus vom Bischof bestätigt, so dass das Stuttgarter Stift die zur Pfarrstelle gehörende Pfründe bezog. Laut Lagerbuch von 1582 bestand sie in 4 Scheffel (724 l) Roggen, 38 Scheffel (7201 l) Dinkel, 6 Scheffel (600 l) Hafer und 2 Fuder (Wagenladungen) Stroh. Diese Abgaben stammten aus dem Großen und Kleinen Zehnten, dem Heu- und Graszehnten sowie dem Widumhof, der am 10. Mai 1475 mit Zustimmung Ulrichs V. an Hans Meyer, am 1. Februar 1477 an den Bonländer Schmied Martin zum Erblehen vergeben wurde.

    Neben der Pfarrpfründe gab es noch die sog. Frühmesse, die 35 Gulden aus dem Frühmesshof bezog. Der Frühmesse stand auch ein Teil des Zehnten zu. Dafür hatte der Kaplan oder ein niederer Geistlicher eine Frühmesse zu lesen. Namentlich bekannt ist nur Michael Schäffer aus dem Bonländer Scheffergeschlecht. Die Güter der Frühmesse stammten aus Käufen oder Stiftungen, die vor 1436 erfolgten. Der Altar, an dem der Frühmesser die hl. Messe las, war dem hl. Nikolaus geweiht.

  • add Die Reformation

    Bibelsummarium von Veit Dietrich, Nürnberg 1580

    Christuskind beim "Bubentörle"

    Nachdem der aus dem Land vertriebene Herzog Ulrich (1487 – 1550) im Jahr 1534 Württemberg mit Hilfe des ebenfalls auf Seiten der Reformation stehenden Landgrafen Philipp von Hessen (1504 – 1567) wieder erobert hatte, ging er an die Einführung der Reformation.

    Der Staat sicherte sich dabei große Mitspracherechte in den einzelnen Bereichen der Kirche. Ein großes Problemfeld betraf die wirtschaftliche Situation von Staat und Kirche. Da Herzog Ulrich dringend Geld benötigte, um seine Schulden zu bezahlen, ließ er die sakralen Gegenstände auflisten und einziehen.

    Im Mai 1535 wurde die Inventur der kirchlichen Geräte vorgenommen. In Bonlanden waren vorhanden: zwei Kelche, eine goldene Kupfermonstranz, eine kleine vergoldete Monstranz, zwei Messingmonstranzen, vier Messingleuchter, acht Altartücher, drei Schellen, 18 Messgewänder, ein Chormantel, sieben Alben sowie drei Fahnen. Alle diese Gegenstände mussten nach Stuttgart abgeliefert werden. Nur ein Kelch blieb der Pfarrei.

    Aber nicht nur der Staat, auch die Kirche benötigte Geld. Bisher hatte sich das Vermögen der einzelnen Pfarreien aus vielen Quellen gespeist. Dazu gehörten die Abgabe des Zehnten, fromme Stiftungen und Opfer sowie Erträge aus Grundbesitz. Von diesen Einnahmen wurden die Pfarrer bezahlt, die Kirchengebäude unterhalten, die Gottesdienste ausgestattet, aber auch sehr viele soziale Aufgaben finanziert, denn eine staatliche Sozialfürsorge gab es noch nicht. Ab 1536 regelte nun eine entsprechende Kastenordnung die Verwaltung und Verwendung der bisherigen kirchlichen Vermögenswerte. Der Pfarrer wurde jetzt vom Staat bezahlt und zusätzlich von der Gemeinde in Naturalien vergütet. Die Gemeinden mussten für die Armenfürsorge, die Schulen und den Erhalt der Kirchengebäude aufkommen. Überschüsse flossen in die Staatskassen.

    Für Bonlanden ergab dies folgende Konsequenzen: Der neue evangelische Pfarrer erhielt nun ein festes Gehalt. Es bestand in Geld - 42 Gulden 58 Pfund Heller 16 Schilling - und Naturalien - 24 Scheffel (4548 l) Dinkel, 6 Scheffel (600 l) Hafer, 2 Eimer (600 l) Wein und 1,5 Fuder (Wagenladungen) Stroh. Nach dem Stiftslagerbuch in Stuttgart schlugen die Visitatoren eine Erhöhung des Pfarrergehaltes auf 95 Pfund Heller vor, was Herzog Ulrich genehmigte. Das Lagerbuch von 1582 zählt an Ausgaben für die gesamte Pfarrei auf: 4 Scheffel (724 l) Roggen, 38 Scheffel (720 l) Dinkel, 6 Scheffel bzw. (600 l) Hafer und 2 Fuder (Wagenladungen) Stroh.   

    Die Unterhaltung des Kirchengebäudes und die Ausstattung des Gottesdienstes hatte in vorreformatorischer Zeit der sog. Heilige zu bezahlen. Die Verwaltung dieser Heiligengüter war Sache der Gemeinde, die dazu zwei Heiligenpfleger wählte. Mit der Durchführung der Reformation wurde die Kasse des Heiligen in „Armenkasse“ umbenannt, ohne dass der erstere Name ganz verdrängt worden wäre. Gleichzeitig wurden alle Stiftungen für Armen- und Krankenpflege damit vereinigt. 1582 betrug der Erlös 5 Pfund Heller 15 Schilling Präsenz sowie 3 Pfund Heller 10 Schilling jährlichen Zinses. Beim Heiligen waren auch die Jahrtagsstiftungen angelegt, d.h. Gelder für jährliche Totenmessen. Noch 1582 mussten von einigen Gütern „ewig unablösig Heller und Zins genannt Präsenz, Zins von gestifteten Jahrtagen aus einzechten Gütern auf Martini“ (11.11.) entrichtet werden. Die Messen freilich, für die diese Stiftungen gemacht worden waren, las kein Priester mehr. Aus den Mitteln der Heiligen wurde die Pfründe des Mesners gebildet. So bekam 1582 der Mesner aus dem Großen Zehnten je 1 Scheffel (181 l) Roggen, 1 Scheffel (189,5 l) Dinkel und 1 Scheffel (200 l) Hafer. Auch hatte der Mesner einige Grundstücke in Nutzung, wie der Flurname „Mesnerswiesen“ belegt.

    1536 erschien die erste „Württembergische Kirchenordnung.“ Sie legte fest, dass allein die Bibel Maß und Richtschnur für Kirche und Gottesdienst sein sollte. Dann regelte sie den Ablauf des Gottesdienstes, die Zahl der Feiertage, die Form der Abendmahlsfeiern, Taufen, Trauungen und Tröstung der Sterbenden.

    Außerdem erließ Herzog Ulrich im gleichen Jahr eine besondere „Landesordnung“. Neben Artikeln, die kriminelle Vergehen betrafen, enthielt sie eine Reihe von Vorschriften, die das moralische Verhalten der Untertanen regelten. So wurde zum regelmäßigen Gottesdienstbesuch aufgefordert, das Spaziergehen oder der Wirtshausbesuch während der Gottesdienstzeiten wurde verboten. Untersagt war auch das Fluchen, Gotteslästern, überhöhter Luxus bei Hochzeiten und das Sich verkleiden, was ein Ende des Fasnachtsbrauchtums bedeutete. Über die Einhaltung dieser und vieler weiterer Vorschriften mussten nun neben den herzoglichen Beamten auch die Pfarrer wachen. Sie mussten künftig als verlängerter Arm des Staates solche offiziellen Regelungen von der Kanzel aus verlesen und den Behörden melden, wenn ein Gemeindeglied gegen die staatlichen Ordnungen verstieß.

     

     

    1536 kam als erster evangelischer Pfarrer Bernhard Ruff. Wie die Visitationsakten von 1536 belegen, wurde das Einkommen für die Pfarrei mit 50 Gulden angegeben. Ruff beschwerte sich 1539 in einem Gesuch an Herzog Ulrich (1487 – 1550) , dass ihm die Vergütung aus dem Zehnten von der Gemeinde von 38 Scheffel (6726 l) auf 30 Scheffel (5310 l) Frucht herabgesetzt worden sei. Als die Gemeinde dazu Stellung nehmen musste, sagte sie, der Pfarrer solle fleißiger predigen und studieren. Allem Anschein nach erhielt die Gemeinde recht; dem Pfarrer jedoch erhöhte die Stiftsverwaltung in Stuttgart sein Gehalt.

    Dieser Vorgang belegt, dass es damals am Anfang der Reformation für eine Gemeinde sehr schwierig war, einen „ordentlichen“ evangelischen Pfarrer zu bekommen. Eine große Mehrzahl der Priester hatte bei der Einführung der Reformation es abgelehnt, evangelisch zu predigen und musste daraufhin das Land verlassen; andere zeigten sich zwar willig, waren aber überhaupt nicht fähig, ordentlich zu predigen. Um dem Mangel an geeigneten Geistlichen abzuhelfen, wurde 1536 in Tübingen das „Herzogliche Stipendium“ gegründet, das heutige Tübinger Stift. Es ermöglichte begabten Landeskindern ein Studium auf Staatskosten ohne Rücksicht auf die soziale Herkunft.

    Trotz dieser Ordnungsversuche gab es für die noch junge evangelische Landeskirche keine Ruhe. Ein Streitpunkt war die Bilderfrage. Der von Zwingli beeinflusste Reformator Ambrosius Blarer (1492 – 1564) hatte in dem südlich der Stuttgarter Weinsteige liegenden Landesteils Württembergs von 1534 an alle Altäre, Bilder und Statuen aus den Kirchen entfernen lassen. Nach dem sog. Uracher Götzentag 1537 und der Entscheidung Herzog Ulrichs 1540 wurden diese Maßnahmen auch auf den Norden Württembergs ausgeweitet. Freilich wurde sie nie ganz durchgeführt, so dass in vielen Fällen zumindest der Emporenschmuck und die Deckengemälde erhalten blieben.

    In dieser Zeit um 1540 wird auch in der Georgskirche die „Altar- und Bilderreinigung“ durchgeführt worden sein, so dass keine Hoch- und Steinaltäre und keine sakralen Darstellungen aus dieser Zeit mehr erhalten geblieben sind. Einzig das hölzerne Kruzifix und die frühgotische steinerne Christuskindfigur sind stumme Zeugen der früheren Vergangenheit, wie auch die Wandmalereien. Letztere sollten einerseits Schmuck für die Kirche sein, andererseits sollte das Bildprogramm dem Betrachter die Verehrung, Erinnerung und versenkende Betrachtung erleichtern und ihn letztlich zur Anbetung Gottes hinführen.

     

    Die Wandgemälde im Chor wurden damals vermutlich überstrichen und erst wieder bei der Renovierung 1973/74 freigelegt. In Plattenhardt wollten die Bürger die Steinstatue ihres Kirchenpatrons nicht hergeben, und so mauerten sie den „heiligen Antholianus“ in die Kirchenmauer ein, wo er erst 1964 entdeckt wurde. Außerdem wurden im Zuge der reformatorischen Umgestaltung in der Georgskirche Kirchenbänke und eine kleine Holzkanzel installiert, sichtbarer Ausdruck für die Neuausrichtung auf die Wortverkündigung, hinter die nun der Sakramentsdienst zurücktrat.  

  • add Von der Reformation bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts

    Epitaph beim Turmeingang

    Vertreter des ersten protestantischen Pfarrers Bernhard Ruff, der 1548 nach Markgröningen ging, wurde Markus Krauss (Marx Krus). Er hatte 1546 die Pfarrei Bernhausen übernommen. In der Zeit des Interims weilte Michael Baumeister in Bonlanden. Er wird 1550 als „Catechist“ bezeichnet, der damit beauftragt worden sei, die Kirche am Ort zu versehen. 1551 wird von ihm berichtet, dass er in Bonlanden eine Schule ins Leben gerufen habe, die von 60 Kindern besucht werde. Im Jahr 1552 wurde Johann Kaspar Ulrich in den Ort berufen. Sein Dekan sagte über ihn, dass er „seines Lehrens halber der Gemeinde lieb und angenehm sei und sich samt seinem Hausgesinde wohl verhalte.“ Als ein „geletzter“ Mann mit einem Fußleiden bat er 1565 darum, ihm in das Pfarrhaus ein Badstüblein einzubauen. 1571 verließ er den Ort und sein Nachfolger im Pfarramt wurde im Alter von 30 Jahren der Sulzer Diakon Georg Schmack, der bis zu seinem Tod in der Gemeinde blieb. Im Jahr 1584 grassierte nämlich in Bonlanden und in Plattenhardt die Pest, und der Dekan sah daher auch in Bonlanden von einer Visitation ab mit der Bemerkung: „Da unser Herrgott visitiert, lasst mans darbei bleiben.“

    Mit dem gebürtigen Backnanger Andreas Meßnang (1537 – 1609), der 1584 aus Urach kam, begann die lange Reihe der Bonländer Geistlichen, die den Titel eines Magisters trugen. Es handelt sich dabei um einen akademischen Grad, der an der Universität beim Abschluss des vorbereitenden Philosophiestudiums, das dem eigentlichen Theologiestudium vorausging, erworben wurde und so viel wie Meister oder Lehrer bedeutet. Der Erwerb des Magistergrads war bis 1822 für die Stiftler verbindlich. Bei seinem Amtsantritt fand Meßnang eine in Zürich gedruckte Bibel in der Kirche vor. Er berichtete dies seinem Vorgesetzten und fügte an, dass er gerne eine lutherische Bibel hätte, aber die Bonländer Kirchenpflege sei so arm, dass sie keine neue kaufen könne. Das Schreiben hatte zur Folge, dass Meßnang mit allerhöchster Genehmigung von der herzoglichen Kanzlei eine andere Bibel bekam. Doch er musste die alte abliefern. Außerdem fiel in seine Amtszeit die grundlegende Renovierung des Pfarrhauses, das sehr baufällig geworden war. Im übrigen wurde der Mann von seinem Dekan als „sehr fleißig und von unsträflichem Wandel“ bezeichnet. Er ließ sich 1594 nach Bempflingen versetzen, wo er 1609 starb.

    M. Ernst Renz (1567 – 1634) aus St. Georgen war zuvor Diakon in Nagold, ehe er 1594 in Bonlanden aufzog. Bereits nach fünf Jahren ging er nach Echterdingen und wurde 1617 Dekan in Neuffen. Dort starb er 1634. M. Gottfried Thumm (1546 - 1609), Sohn eines Pfarrers in Wolfschlugen, kam von Hedelfingen aus 1599 nach Bonlanden auf seine 4. Pfarrstelle . Seine 5. war Großingersheim, wo er nach fünfjähriger Tätigkeit verstarb. Er wird als fleißiger und ernsthafter Mann geschildert.

    M. Israel Stehelin befand sich seit 1587 im kirchlichen Dienst und wirkte aus Großingersheim kommend seit 1605 in Bonlanden bis zum seinem Tod im Jahr 1613. M. Christoph Schaiblin  stammte aus Schlaitdorf. Er war 1591 in den Kirchendienst eingetreten und wechselte öfters die Stelle. Im Jahr 1620 ging er nach Hegnach, 1635 schließlich nach Echterdingen. M. Melchior Sautter (1585 - 1635), Sohn des Pfarrers von Kuppingen, kam 1620 in Bonlanden auf seine 3. Pfarrstelle, die er bis zu seinem Tod im Pestjahr 1635 versah. In dieses Jahr fällt auch eine bauliche Veränderung der Kirche. In der Beschreibung des Oberamts Stuttgart von 1851 finden sich dazu folgende Angaben: „Über dem Eingang in die Kirche steht „1635“, wohl das Jahr, in welchem die erste Veränderung vorgenommen wurde.“ Der Stein befindet sich inzwischen nicht mehr über dem Haupteingang, sondern wurde aufgrund der Anbaumaßnahmen im Jahr 1909 in das Mauerwerk auf der Südseite eingelassen. Dass im Jahr 1635 große bauliche Veränderungen vorgenommen worden sind, ist eher unwahrscheinlich. Es war das 17. Jahr des Dreißigjährigen Krieges, und Bonlanden hatte 284 Todesfälle in diesem Pestjahr zu beklagen, darunter den Pfarrer. Ein Anlass zum Umbau der Kirche war nicht vorhanden und zu Erneuerungsarbeiten fehlte das Geld. Vermutlich aber wurde in diesem Jahr des großen Sterbens von der Kirche einen direkten Zugang zu dem sie umschließenden Friedhof geschaffen und über dieser Tür dann die Jahreszahl angebracht. Diese Tür war wohl die einzige bauliche Veränderung jenes Jahres. Gegen die Annahme größerer Umbauten im Jahr 1635 spricht auch die Klage des Kirchenkonvents im Jahr 1746 über „unsere baufällige uralte und sehr kleine Kirche“, was wohl nicht denkbar wäre, wenn 1635 eine Erweiterung stattgefunden hätte.

    M. Friedrich Megenhardt (1593 - 1640), zuvor Pfarrer in Hengen, wurde nach fünfjähriger Tätigkeit in Bonlanden bereits 1640 im Alter von 47 Jahren vom Tod ereilt. M. Lorenz Schmidlin (1587 – 1642) kam nach siebenjährigem Wirken in Plattenhardt 1540 nach Bonlanden und starb schon zwei Jahre darauf. Sein Nachfolger M. Theodorich Carolus (1606 – 1668), in Neuenstadt geboren, Pfarrer in Aldingen ab 1640, dann ab 1642 in Bonlanden, fand stets das Lob seiner Vorgesetzten. Er war ein guter Kenner der lateinischen und griechischen Sprache, sehr eifrig und fleißig, und verstand es auch besonders, die Jugend zu unterweisen. Vermutlich starb er 1668 im Amt.

    M. Daniel Staiger (1628 – 1690), geboren in Ulm, befand sich nach Wolfschlugen und Hildrizhausen in Bonlanden seit 1668 auf seiner dritten und letzten Stelle. Er wurde als „feiner, exemplarischer“ Mann bezeichnet, der sein Amt fleißig versehe und erbaulich zu predigen wisse. Er wurde 1690 in Bonlanden von seinem Herrn abgerufen.

    M. Christian Schäffer (1665 – 1707), geboren in Tübingen, kam in jungen Jahren in den Ort. Er war „von guten Qualitäten, wohlgeübt im Hebräischen, ein annehmlicher Prediger“ und verstand sich bestens mit der Gemeinde. 1702 erhielt er die einträgliche Pfarrstelle Echterdingen, starb aber schon 1707. Sein Nachfolger M. Johann Konrad Ziegler (1668 – 1713) aus Stuttgart kam 1702 34jährig in den Ort, vermutlich der erste Pfarrer Bonlandens, der pietistisch gesinnt war und durch den der Pietismus Eingang in das kirchliche Leben des Ortes fand. Sein Dekan bezeichnete ihn als einen guten und vernehmlichen Prediger. Er gehe der Gemeinde mit theologischem Exempel und Friedfertigkeit vor, setze seine Studien fort, verfüge über feine Qualitäten und katechisiere fleißig und erbaulich; unter anderem kümmerte Ziegler sich besonders um die Christenlehre. 1711 hielt ihn sein Vorgesetzter für einer Beförderung würdig, doch 1713 ereilte ihn der Tod in Bonlanden. Sein Grabstein kam vermutlich nach der Aufhebung des Friedhofs 1838 in die Kirche und wurde im Turmraum an der Südseite aufgestellt, wo er bis heute zu sehen ist. Die Inschrift, die wieder aufgefrischt worden ist, lautet:

     

    Hier an der seiten Ruhet in Gott
    Herr M. Johann Conrad Ziegler,
    welcher in Anno 1668 den 8. Aug. gebohren zu Stuttgart,
    verheurathet in Anno 1695 den 2. Oct.
    mit Maria Agnes einer gebohrenen
    Schulthaissin zu Tübingen. Nach ordentlichem
    Beruff zu Vöhringen, Rosenfelder
    amts 7 Jahr, hier zu Bonlanden 11 Jahr
    also 18 Jahr Seinem Erzhirten Jesu am
    wort gedienet und sich eyfferig im lehren,
    exemplarisch im leben, geduldig im leyden,
    liebreich und guthätig gegen die Seinigen
    und jedermann, under mancher amts-
    und glaubens-prob, als ein guter Streiter
    Jesu Christi Sich auffgeführt,
    andlich den 16. Febr. 1713 in Seinem Erlöser
    sanfft und Seelig eingeschlaffen.
    Seines Alters 44 Jahr und 6 Monath.
    Gott erwecke Ihn mit freuden. Sein gutes
    gedächtnis bleibet im Seegen solang
    ein Christlich gesinntes herzt hier leben
    und ein zweig von beederseitiger Familie
    wird übrig seyn. Wie dann dieser Stein ein
    zeuge seyn soll des Schuldigsten andenckens

    und danckbaren erkandtnus
    aller erwiesenen Trewe.
    ein Christlich gesinntes herz hier leben

    Leichtext: 2. Tim 1,12

    Meines Glaubens Zuversicht
    Ist auf Jesum nur gericht
    Der bewahret mein beylag

    Biß an Jenen grossen Tag.

     

    Für Magister Johann Jakob Colb (1654 – 1722), geboren als Sohn eines Hofpredigers in Kochersteinsfeld, war die Bonländer Pfarrstelle nach Friolzheim und Heumaden die dritte und letzte. Sein Fleiß, seine erbaulichen Predigten und sein stiller Wandel wurden besonders hervorgehoben. Er beklagte sich bei seinem Amtsantritt über den baufällig gewordenen Zustand des Pfarrhauses, ohne dass freilich Abhilfe geschafft wurde. Altershalber erhielt er 1721 seinen Sohn als Vikar, der es verstand, die Zuneigung der Gemeinde zu erwerben. Sie wünschte ihn nach dem Tod des Vaters als Nachfolger, was von der Kirchenbehörde genehmigt wurde. Johann Jakob Colb starb 1722 „zur selben Zeit, da er predigen wollte.“

  • add Die erste Kirchenerweiterung 1750

    Grundriss der Kirche nach 1750

    Magister Ludwig Adam Colb (1691 – 1745) war in Friolzheim als Sohn des Vorgängers geboren. In Bonlanden, wo er seit 1722 amtierte, ließ er die erste Orgel für die Ortskirche beschaffen. Das Kirchenkonventsprotokoll von 1730 berichtet, dass „Präzeptor Lehr von Sindelfingen hierhergekommen und uns seine Orgel angetragen hat, weil er gehört, daß wir eine in unsere Kirche kaufen wollen.“ Nachdem man sich zuerst der Beiträge der Bürgerschaft vergewissert hatte, wurde diese Orgel am 19. Oktober 1730 um 60 Gulden gekauft. Dem Kaufvertrag wurde die Bedingung hinzugefügt, dass der Verkäufer, solange er lebe, sich verpflichten musste, auftretende Mängel ohne Entgeld zu beheben. Dafür sagte man ihm zu, man werde ihn zu diesem Zweck mit einem Pferd von Sindelfingen holen und wieder zurückbringen und ihm, während er mit der Reparatur beschäftigt sei, hier freie Kost und Logis ermöglichen. Die Gemeinde durfte sich allerdings nicht lange an diesem „Gelegenheitskauf“ erfreuen, weil bereits 13 Jahre später bei einem schweren Unwetter das Kirchengebäude schwer beschädigt wurde. Das Protokoll des Kirchenkonvents 1743 machte dazu folgende Angaben:

    „Den 21. Juni hat Bonlanden das Große Unglück gehabt, dass abends nach sieben Uhr ein heftiges Donnerwetter oben in unseren mit Schiefersteinen gedeckten Kirchturm eingeschlagen hat, dass solcher ganz umgedeckt werden muss. Von da war der Streich auf den Glockenstuhl gegangen, dass die große Glocke heruntergesunken, dass man nimmer läuten kann. Fern ist ein Streich auf das Ziegeldach der Kirche gegangen, hat von solchem ein Stück heruntergenommen, desgleichen auch die Uhrtafel hinweggeschlagen, im Turm drin aber die Läden und Stiegen zu lauter Stücken zerschlagen, bis auf den untersten Boden durch das Gewölb mit den Glockenseilen, durch die Kirchtüre und das ganze Kirchengehäuse dergestalten mit Dampf erfüllet, dass es ganz rauchig aussieht und die Fenster wie eine Wiege hinausgebogen sind, auch die baufällig gewordene Sakristei erschüttert worden, dass man sie ganz abbrechen und neu aufführen muß...“

    Aufgrund des Pfarrerwechsels – der zur Korpulenz neigende Colb, der eigentlich noch einen Stellenwechsel angestrebt hatte, obwohl er wegen seiner erbaulichen Predigten und seines vorbildlichen Wandels in der Gemeinde sehr geschätzt war, erlag 1745 einem Schlaganfall –  und der bürokratischen Hürden wurde erst am 6. Mai 1746

    „gemeinschaftlich ausgemacht..., dass nunmehro auf erhaltenen Oberamtlichen Consens und Befehl... ein Überschlag eingeschickt und durch ein untertänigstes Memoriale nicht nur die gnädigste Erlaubnis, sondern auch eine gnädigste hochfürstliche Beisteuer und Collecte zu solchem notwendigen Kirchen-Bau-Wesen bestmöglichen Fleißes betrieben und geführt werden solle.“

    Magister Johann Jakob Steinlin, 1715 als Pfarrersohn geboren, war 1745 nach Bonlanden als Nachfolger des beliebten Colb gekommen. Aufgrund seiner Streitigkeiten mit dem Ortsvorsteher und seiner Schuldenmacherei hatte er einen zunehmend schweren Stand in der Gemeinde. Dennoch nahm er die Erneuerung der Kirche in Angriff. 1746 beschloss der Kirchenkonvent,

    „dass wieder eine convenable Orgel in die Kirch möchte angeschafft werden.“

    Vier Fünftel der Erneuerung der Orgel spendete dabei Schultheiß Adam Adam, von dem auch die Tauf- und Abendmahlskanne stammte (siehe unten).   

    Am 28. Januar 1750 wurde dann „ein Durchgang durch die ganze Bürgerschaft gehalten und ein jeder befragt, was er freiwillig und ungezwungen dazu beitragen wolle.“ Im gleichen Jahr wurde dann auch die grundlegende Renovierung der Georgskirche angegangen. Der Kirchturm wurde wieder hergestellt, wobei man zum Bedecken des Turmdaches 8 000 Schiefernägel benötigte. Man nutzte die Instandsetzung gleichzeitig für eine Erweiterung, da die Gemeinde nach den schlimmen Aderlässen im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) und den verheerenden Pestzeiten wieder auf 550 Personen angewachsen war. Die erste Maßnahme, die man dazu ergriff, war die Erweiterung des Kirchenschiffs. Man riss die Nordwand komplett ab, wodurch die beiden spätgotischen Fenster verloren gingen. Dann baute man sie 2,30 Meter nach außen verschoben wieder auf, dieses Mal mit drei kleineren, rechteckigen Fenstern im unteren Bereich versehen. Genügend Platz hatte man allerdings dadurch nicht gewonnen, denn die Zahl der Sitzplätze erhöhte infolge dieses massiven Eingriffs in die Bausubstanz sich lediglich um 60-70. Deshalb zog man eine Empore ein, die für die Männer bestimmt war, beginnend von der Turmseite an der neuen Nordseite entlang. Aufgrund dieser Maßnahme fanden 90 Personen zusätzlich Platz. Außerdem wurde eine Tür in der Mitte der Nordseite auf der Höhe der Empore mit der Jahreszahl 1750 angebracht, die über eine hölzerne Außentreppe erreichbar war. Weil Dach und Dachstuhl des Kirchenschiffs im Jahr 1750 komplett erneuert werden mussten, da wie berichtet eine Längswand nach außen rückte, wurde die Achse verschoben, so dass das Gebälk seither eine Schrägstellung aufweist und das Kirchenschiffdach auch nicht mehr mit der Achse des Chordaches übereinstimmt. Die Kirche hat dadurch ihre Symmetrie verloren, was allerdings erst dem aufmerksamen Betrachter auffällt.

     

    Außerdem ging das Schiff auch seines Netzgewölbes verlustig, da die jetzige Holzkassettendecke ebenfalls in jenem Jahr eingezogen wurde. Sie wurde grau gestrichen, mit farblichen Absetzungen an den Kreuzgerippen. Die neu errichtete Sakristei blieb zunächst an der Nordseite des Chores und musste erst später der Straße weichen. Zurück von ihr blieb nur das „Bubentörle“.

    Obwohl der Anbau von 1750 als zweckmäßig empfunden wurde, da er die zu klein gewordene Kirche auf 340 Sitzplätze vergrößerte, verstümmelte er den spätgotischen Entwurf. Dazu die Oberamtsbeschreibung von 1851:


    „Dagegen scheint das Schiff der Kirche, vermutlich infolge von Baufälligkeit, mehrere Veränderungen erlitten zu haben. Die gotischen Fenster mussten hier, mit Ausnahme von zwei auf der Südseite, den schmucklosen weichen, und in einer späteren Zeit wurden, um mehr Licht in die Kirche zu bringen, sogar noch quergestellte, rechteckige Fenster angebracht, welche nun vollends die sonst so schöne Kirche verunstalten.“

     

    Kurz nach dem ersten grundlegenden Umbau der Georgskirche wurde auch das Pfarrhaus, das jeden Moment einzustürzen drohte, neu auferbaut. Zwar war bereits 1730 ein Überschlag gemacht worden, aber erst 1751 schritt man zur Tat. Der Neubau sollte 60 Schuh (17,16 m) lang und 37 Schuh (10,58 m) breit werden. Der Voranschlag belief sich auf 2203 Gulden, musste dann auf 2226 Gulden erhöht werden. 1752 wurde unter der Leitung der Baumeister Groß und Mayer aus Stuttgart begonnen. Sie vergaben die Zimmermannsarbeit an Johann Etzel, die Maurerarbeit an Johannes Schmidt, die Glaserarbeit an Christian Stahl, die Schlosserarbeit an Vogt, sämtliche aus Waldenbuch, die Schreinerarbeit an Michael Weiß, Grötzingen, und die Hafnerarbeit an Johannes Georg Heinzelmann. Von den Handwerkern kam kein einziger aus Bonlanden. Dieses Pfarrhaus – es hatte damals fünf Zimmer, eine geräumige Küche und eine Scheune – steht heute noch so, wie es erbaut worden ist.

  • add Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts

    Als Nachfolger von Steinlin kam Gottlieb Lukas Brastberger (1710 – 1768) in den Ort. Der in Schiltach geborene Pfarrersohn war 11 Jahre als Feldprediger, dann als Gemeindepfarrer in Ehningen sowie Schönaich tätig gewesen und heiratete die Witwe Colbs. Er besaß eine gut ausgestattete Bibliothek, in der er eifrig studierte. Sein Amt versah er „getreu in Kirche und bei Kranken und war seiner Gemeinde ebenso nützlich wie angenehm.“ Er starb 1768 nach nur acht Jahren Amtstätigkeit in Bonlanden.

     

    In diesem Jahr des Pfarrerwechsels wurde auch von Schultheiß Adam Adam (1716 – 1791) die im Heimatmuseum seit 1996 gezeigte Tauf- und Abendmahlskanne gestiftet, wohl aus Anlass der 30. Wiederkehr seines Hochzeitstages. Die Namen der Stifter, des Schultheißen und seiner Frau, sind in zierlicher Schrift mit folgendem Text eingraviert:

    „Es stiftet H. Schultheis Adam Adam und seine ehliche Hausfrau Anna Barbara, eine geborene Schmidin, dise Kant zum Angedincken auf den heili(g)en Altar in Bonlanden, 2. Juni 1768.“  

     

    Sie wurde nicht, wie Pfarrer Rommel 1970 im Heimatbuch vermutete, von einem französischen Soldaten beim Einfall der Revolutionstruppen in Württemberg 1796 gestohlen, sondern, wie ein Vergleich der Inventarlisten von 1783 und 1837 belegt, 1837 für 4 Gulden und 5 Kreuzer in Zahlung gegeben, um das „veraltete Gerät“ durch zwei neue Kommunionskannen und eine Taufkanne für zusammen 17 Gulden zu ersetzen. Wie die barocke Tauf- und Abendmahlskanne dann nach Paris gelangt ist, wo sie im Zweiten Weltkrieg in einer Boutique von einem deutschen, antiquitätensammelnden Soldaten um Geld und Lebensmittel erworben wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Tatsache ist, dass die Kanne in den Besitz der Stadt Ludwigsburg überging, 1969 anlässlich der 700-Jahr-Feier Bonlandens in der historischen Ausstellung beim Erntedankfest in der Uhlberghalle der Bürgerschaft erstmals wieder gezeigt wurde und aufgrund des Artikels des Landeshistorikers Raff seit 1996 leihweise der Stadt Filderstadt zur Verfügung gestellt wurde. 

     

    Magister Johann Albrecht Hauff (1722 – 1788), geboren in Blaubeuren als Sohn des dortigen Diakons, wurde als „fleißig, genau und ernstlich“ beschrieben. Er blieb nach seiner ersten Pfarrstelle in Botnang von 1768 bis zu seinem Tod in der Gemeinde. Sein Grabstein befand sich an der südlichen Außenwand des Turms, zerfiel allerdings mit der Zeit so stark, dass bei der Renovierung 1973/74 der Rest, dessen Inschrift längst unleserlich geworden war, entfernt wurde. Magister Johann David Bardili (1738 – 1798) war in Heiningen als Sohn des dortigen Geistlichen geboren. Er fand nach seiner Pfarrertätigkeit in Dapfen 1788 in Bonlanden eine gute Aufnahme, wie die Äußerungen der Gemeindeältesten belegen: „Wir haben einen munteren Pfarrer, der gut predigt, nichts versäumt und kein Ärgernis im Wandel gibt.“ Auch er wirkte wie seine beiden Vorgänger bis zu seinem Tod 1798 in Bonlanden. Magister Christian Ludwig Reinhardt (1754 – 1841), geboren in Gochsheim, war zuvor Pfarrer in Bergfelden gewesen, als er 1798 nach Bonlanden kam. „Hat die Lebhaftigkeit und das Feuer wie der vorige nicht, doch lässt sich aus seinen Predigten immer etwas Gutes lernen. Er ist ein guter Mann; wir sind mit ihm zufrieden.“, war die Meinung seiner Gemeindeglieder. Reinhardt beschäftigte sich in seinen privaten Studien mit den Kirchenvätern und verfasste eine Schrift über Theodorets Reden, ohne sie drucken lassen zu können. In seine Amtszeit fällt die Entstehung einer „Privatversammlung“, der altpietistischen Gemeinschaftsstunde im Jahr 1804, über die der Geistliche zwei Jahre später folgendes berichtete:

     

    „Privat-Versammlungen werden hier seit zwei Jahren nach den öffentlichen Gottesdiensten an Sonntagen und Feiertagen, nachmittags und auch abends, gehalten, und zwar abwechseln in Jacob Schal, Bürger und Becken allhier, und in Joh. Bauers, Bürger und Bauern Haus allhier, weil diese geräumige Stuben haben. Es wird dabei mit Gebet und Gesang angefangen, das Evangelium oder die Epistel des Sonntags zur erbaulichen Betrachtung darüber gewählt, bisweilen auch etwas aus der öffentlichen Predigt angeführt, und mit Gesang und Gebet beschlossen. Die dabei befindlichen Personen mögen bis 25 sein. Manns- und Weibspersonen sitzen besonders. Pastor besucht sie bisweilen.“

     

    Fing es 1804 mit einer Gruppe an, so waren es zwei Jahre später bereits zwei, 1808 sogar drei Konventikel, weil die Zahl der Zusammenkommenden so stark gewachsen war, dass sie nicht mehr alle zusammen in einer Bauernstube Platz fanden. Von Anfang waren die Pietisten, wie sie von ihrem Umfeld genannt wurden, auch in Bonlanden mit der Kirche eng verbunden: Sie trafen sich immer nach den Gottesdiensten, sie pflegten Kontakt mit dem Pfarrer, sie hielten ihre Stunden auf der Grundlage der kirchlichen Predigttexte. So bestätigte Pfarrer Reinhardt in seinem Bericht von 1812: Dass der Pfarrer bei seinen Besuchen nichts findet in der Gemeinschaft, was dem Pietisten-Reskript in der Hauptsache entgegen wäre.“

     

    Dazu folgende Hintergrundinformation: Die württembergische Kirchenleitung hatte 1743 mit einem Erlass, dem sog. Pietisten-Reskript, die Möglichkeiten der Privatversammlungen der Pietisten geregelt. Das Reskript erlaubte unter bestimmten Bedingungen Erbauungsstunden, sofern sie nicht zum Ersatz für den Gottesdienstbesuch werden, keine falschen Lehren verbreiten und vom Pfarrer geleitet werden oder mit seinem Wissen stattfinden. Dadurch wurde der Pietismus in der württembergischen Kirche heimisch und verlor sich nicht als Sondergemeinschaft. Umgekehrt konnte er dazu betragen, dass die Amtskirche lebendig blieb und biblisch-erweckliche Impulse erhielt.

     

    So saßen in Bonlanden wie andernorts auch Bauern, Wagner, Schreiner am sog. Brüdertisch und legten nacheinander die Bibelverse hauptsächlich aus dem Neuen Testament aus. An weiteren Schriften wurden das Hillersche Schatzkästlein, Erklärungen von Pfaff, Rieger, Goßner, Knapps Liederschatz, der Christenboten und die Calwer Missionsblätter benutzt. Die Frauen, Kinder und Jugendlichen hörten von den Stuhl- bzw. Bankreihen aus vor dem Tisch zu. Auch Gebetsgemeinschaft wurde gepflegt, außerdem ein Liedgut, das neben traditionellen Gesangbuchliedern erbauliche Lieder der Erweckungsbewegung umfasste. Großes Interesse bestand für die Mission und ihre Anliegen, was insofern naheliegend ist, als die Missionsgesellschaften innerhalb des Pietismus entstanden sind.

     

    Die Anzahl der Privatversammlungen sank 1812 bereits wieder auf zwei, 1832 sogar auf eine mit ca. 20-30 Mitgliedern, wobei von der ehemaligen zweiten die 10-15 Teilnehmer nach Plattenhardt in die Stunde gingen. Obwohl die Frauen kein Rederecht bei der Bibelauslegung hatten, war die Zahl der weiblichen Mitglieder zwei- bis dreimal höher als die der männlichen. Mitte der 1850er Jahre bestand die Altpiestistische Gemeinschaft aus 30-40 Mitgliedern und wurde vom Kirchenältesten und Gemeinderat Gallus Weinman geleitet, sogar von einer Kinderstunde ist die Rede, es gab Verbindungen zu den anderen Filderorten über die Monatsstunden, die jeden Monat einmal gehalten wurden. Erfreulich war nach wie vor die meist gute Zusammenarbeit zwischen der Gemeinschaft und den Pfarrern in Bonlanden, wie folgendes Zitat von Pfarrer Wilhelm Pfähler (1857 – 1919) belegt:   

    „Der Pfarrer besucht bisweilen die Gemeinschaftsstunden und würde sie noch viel öfter besuchen, wenn er nicht allsonntäglich vier Gottesdienste zu halten hätte.“

    Die Gemeinschaft war beständig gewachsen und hatte um die Jahrhundertwende schließlich die Zahl ca. 50 Mitgliedern erreicht. Damit stellte sich auch dringlich die Raumfrage für die große Versammlung. Mit dem Bau des Vereinshauses im Jahr 1900 fand die Gemeinschaft, die sich bisher in Privathäusern getroffen hatte, eine neue Heimstatt, wo auch größere Veranstaltungen Platz fanden. Der württembergische Gemeinschaftsverein, heute „Altpietistischer Gemeinschaftsverband e. V. Stuttgart, Furtbachstraße 16“, unterstützte den Bau des Vereinshauses, das 13.743,15 Reichsmark kostete, mit einem finanziellen Beitrag. Anfang des 20. Jahrhunderts erlebte die Gemeinschaft, bedingt durch den Bau des Vereinshauses und die Aktivität der leitenden Männer, einen gewissen Aufschwung. Im Jahr 1904 ist von 70–80 Mitgliedern die Rede. Als Leiter der Gemeinschaft werden die Kirchengemeinderäte Joh. Staude, Wilhelm Thumm, Joh. Schall und Kaufmann Hörz genannt.

     

    Nach dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1920, ging die Zahl der Besucher etwas zurück. Dies war möglicherweise ein Anlass dafür, dass die Verantwortlichen in Bonlanden sich eine Evangelisation wünschten. Es konnte Missionar Röckle von Eltingen gewonnen werden, der Vater des späteren Stuttgarter Prälaten Röckle. Von Röckle heißt es: „Dass er es verstand, die Scheinfrömmigkeit zu treffen.“ Die Gemeinschaft hatte von dieser Evangelisation einen großen Gewinn. Im Bericht des Jahres 1924 heißt es: „Ihre Mitgliederzahl hat sich wesentlich erhöht und verjüngt. An den Sonntagen besuchen oft bis zu 20 Männer und 70 Frauen die Stunde. Diese geistliche Bewegung hat sich auch auf die sprechenden Brüder ausgewirkt. Außer dem älteren Johannes Stauch Wagner sprechen neuerdings auch jüngere Männer.“ Es werden Heinrich Adam (Bauer), Johannes Schmid (Zimmermann), Joh. Thumm (Schreiner) und Daniel Siegle (Maurer) genannt. Sie wurden durch biblische Besprechungen mit dem Ortsgeistlichen zum Sprecherdienst herangebildet. Als weitere Frucht der Evangelisation durch Röckle darf auch die Gründung eines Gemeinschaftschores verstanden werden, den Hauptlehrer Adam leitete und der bis in die 1930er Jahre Bestand hatte.

     

    Während des Zweiten Weltkriegs versammelte sich die Gemeinschaft regelmäßig sonntagmittags und freitagabends. Im Jahr 1947 umfasste sie 40 Mitglieder. Die leitenden Brüder blieben bis in die 1950er Jahre die gleichen: Johann Schmid, Johannes Thumm, Heinrich Adam und Daniel Siegle. Als sie dann nacheinander verstarben, übernahm Karl Schall die Leitung und der Kaufmann Wilhelm Pritsch sowie der Bauer Gottlob Hörz standen ihm zur Seite. Wenn es nötig war, sprang auch der Pfarrer ein.

     

    Als dann in den 1970er Jahren die Brüder Schall und Pritsch verstarben, übernahm Karl Reimold die Leitung. Ihm standen dann in den folgenden Jahren die Brüder Walter Thumm, Wilhelm Stauch, Gottlob Hörz, Ernst Veit, Karl Adam und Gerhard Adam zur Seite. Nach dem Ausscheiden der Älteren kamen dann in den 1990er Jahren folgende Personen als Sprecher dazu: Walter Sattler, Eduard Kienle, Pfr. i. R. Karl Egger, Pfr. i. R. Albrecht Traub, Rainer Strohm, Martin Reiser, Klaus Kropf, Jörg Backe, Maria Hörz und nach der Jahrtausendwende Peter Vogel. In Bonlanden ist, wie an vielen anderen Orten im Land die Besucherzahl auch etwas weniger geworden. Wenn aber alle da sind, umfasst die Gemeinschaft immerhin noch ca. 30 Personen, wobei die Frauen in der Überzahl geblieben sind. Das Abhalten der Monats- und Mittwochstunden wurde bis heute beibehalten.

     

    Reinhardt blieb bis zu seinem Ruhestand 1836 in Bonlanden tätig, insgesamt also 38 Jahre, länger als jeder andere evangelische Pfarrer vor und nach ihm. Er starb 1841 hochbetagt in Schorndorf.

     

    Als der in Pfullingen geborene Johann Georg Friedrich Baur (1800 – 1868) von Hausen nach Bonlanden kam, war kurz zuvor (1837) von der Ludwigsburger Firma Walcker eine neue mechanische Orgel mit 13 Registern eingebaut worden, für die die Gemeinde aufkam. Als sie 1973 abgebrochen wurde, fand sich im Innern an verborgener Stelle folgende Notiz, vermutlich von Schulmeister Schittenhelm geschrieben:

     

    „Dieses Orgelwerk, ursprünglich für Offenbach bei Frankfurt bestimmt, wurde von Herrn E. F. Walcker, Orgelbauer in Ludwigsburg, erbaut und im Februar 1837 innerhalb zehn Tagen dahier aufgestellt... Mögen die lieblichen Töne dieses Werkes dazu beitragen, dass der böse Geist des Leichtsinns und der Gottlosigkeit aus der hiesigen Gemeinde weiche, wie der böse Geist in Saul den Harfentönen Davids weichen musste. Bonlanden hat derzeit keinen Pfarrer. Schultheiss war Joh. Georg Thumm, Bürgermeister Gallus Kurz und Johannes Briem. Schulmeister Jakob Schittenhelm, gebürtig aus Tumlingen OA Freudenstadt. Calcant (Orgelvertreter) Friedrich Siegle. Wohl mögen diese alle im kühlen Grab ruhen, bis wann diese Notiz wieder zum Vorschein kommt (Hebr. 13,8).“

     

    1838 wurde ein neuer, ummauerter Begräbnisplatz, damals außerhalb des Dorfes, heute an der Oberdorfstraße gelegen, angelegt und im Jahr darauf der Gottesacker um die Kirche herum aufgelassen. Der nördliche Teil des ehemaligen Friedhofes wurde zur Straße geschlagen, die bisherige Sakristei musste weichen und wurde auf der Südseite des Chores neu errichtet, wo eine Gemeindebaumschule eingerichtet wurde. Ebenfalls 1838, und zwar am 7. Oktober, kam Harthausen, das bisher Filialgemeinde von Sielmingen gewesen war, mit seiner gerade neu erbauten Kirche kirchlich nach Bonlanden, weil der Sielminger Pfarrer in dieser zusätzlichen Arbeit keinen finanziellen Anreiz für seinen Gehalt mehr sah.

     

    Über ein Jahrhundert hielten nun die Bonländer Pfarrer die Sonntags- und Kasual-Gottesdienste auch in der Harthäuser Kirche, die Konfirmanden wiederum mussten viele Jahre von Harthausen ins 3 km entfernte Bonlanden zum Unterricht gehen.

     

    Baur ließ 1840 noch eine zweite, 470 kg schwere A-Glocke mit der Umschrift „Ich rufe nah und fern zum Lobe des Herrn“ von Glockengießer Kurz in Stuttgart gießen, bevor er zwei Jahre später Dekan in Freudenstadt wurde und 1860 in gleicher Eigenschaft nach Böblingen kam. Magister Karl Gottlieb Hauff (17?? – 1859), geboren als Diakonensohn in Winterbach, Pfarrer in Häfner-Haslach 1829, in Gündelbach 1833 und in Bonlanden 1842, war wie sein Vorgänger ein Freund und Förderer der Pietistischen Gemeinschaft. Er blieb bis zu seinem Tod 1859 in der Gemeinde. Angestoßen hat Hauff im Notjahr 1847 die Gründung eines besonderen Lokalwohltätigkeitsvereins, den mangels Freiwilliger Kirchenkonvent und Pfarrer bilden mussten. Leider fand er unter den Vermögenden am Ort nur wenig Unterstützung, so dass er bald wieder einging. Aus dieser Zeit (1851) stammt auch folgende Ortsbeschreibung des Oberamtes Stuttgart:

     

    „Gemeinde... mit 1295 Einw., wov. 4 Kath... Die Einwohner sind im Allgemeinen unbemittelt, weil die Markung, welche im Missverhältnisse zu der Bevölkerung steht, überdieß großentheils unergiebigen Boden hat, dem trotz aller Mühe und Anstrengung nicht so viel abgewonnen werden kann, als zum Unterhalt der Gemeindeglieder nöthig ist. Viele sind daher veranlasst, durch Nebenerwerbszweige, von denen manche der Sittlichkeit entschieden nachtheilig, für den Wohlstand aber nur von zweifelhaftem Vortheil sind, ihr Auskommen zu suchen. Zu diesem kommt noch, dass die Gemeinde, welche kein hinreichendes Vermögen besitzt, um die Armen zu unterstützen, diese häufig ihrem Schicksale überlässt; es ziehen aber auch Manche, welche arbeiten könnten, auf den Bettel aus oder fallen durch Waldexcesse der Nachbarschaft beschwerlich. Uebrigens ist die Gemüthsart der Einwohner im Durchschnitt freundlich, friedfertig und gefällig; 80 Personen, übrigens mehr Weiber als Männer, halten zu dem religiösen Vereine der sogenannten christlichen Gemeinschaft.“

     

    In die Amtszeit von Hauff fielen auch die Anfänge der Evangelisch-methodistischen Kirche in Bonlanden, damals noch „Evangelische Gemeinschaft“ genannt. Der Bonländer Sebastian Kurz (1789 – 1868) war 1845 nach siebenjährigem USA-Aufenthalt, wo er seine Bekehrung erlebt hatte, wieder in seine Bonländer Heimat zurückgekehrt. Bald versammelten sich in seinem Haus an die 40 Personen und Kurz bat um seine deutschen Glaubensgeschwister in Amerika um Hilfe. Sie schickten den Prediger Johann Conrad Link, der 1851 in Bonlanden eintraf und zunächst auf große Resonanz traf. Er predigte dabei nicht nur in den Häusern, sondern auch in der vollen Kirche. Die kleine Gemeinschaft, deren ca. 20 Mitglieder weiterhin in der Landeskirche blieben, wurde von verschiedenen Predigern aus Stuttgart, Nürtingen und Plochingen betreut. 1906 konnte sie ein neues Haus einweihen, das den Namen „Ebenezerheim der Evang. Gemeinschaft Bonlanden“ erhielt. 1925 feierte die Evangelische Gemeinschaft ihr 75jähriges Bestehen und erbaute in Bonlanden die „Jubiläumskapelle“ für die damals ca. 40 Besucher, die zumeist treue Kirchenmitglieder waren. Besonders Frauen im mittleren Alter gingen Sonntag nachmittags dorthin, wo auch eine Sonntagsschule gehalten wurde und ein eigener Jungfrauenverein bestand. 1968 wurden Evangelische Gemeinschaft und Methodistische Kirche zur Evangelisch-Methodistischen Kirche vereinigt und man teilte Bonlanden dem Bezirk Echterdingen zu. 1976 schließlich konnte die Freikirche schließlich ihr neues Gemeindehaus in der Schlesienstraße einweihen.

     

    Johann Gottlieb Spengler (1808 – 1882), geboren in Murrhardt, war 1843 Pfarrer in Meinsheim gewesen, bevor er 1859 nach Bonlanden berufen wurde. 1868 verließ er den Ort in Richtung Altdorf. Ihm folgte 1869 der in Heidenheim geborene Johann Georg Hartmann, der seit 1850 als Hospitalprediger in Giengen a. d. B. gewirkt hatte. 1877 ließ er sich nach Unterensingen versetzen, um Otto von Moser (1827 – 1893) Platz zu machen. Der gebürtige Diakonensohn aus Blaubeuren war bereits Vikar bei seinem Vater in Backnang gewesen, bevor er 1868/69 Pfarrer in Enzberg wurde und nach seiner Bonländer Zeit 1887 nach Schwaikheim überwechselte. Der aus Anhausen stammende Pfarrersohn Emil Wasser (1838 – 1897) dagegen trat nach Kirchheim a. R. und Schömberg i. Schw. 1887 in Bonlanden seine letzte Pfarrstelle an, da er bis zu seinem Tod 1897 im Ort blieb. 1888 wurde dabei zum ersten Mal von einer Versammlung Michael Hahnscher Richtung berichtet, wobei diese pietistische Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg auf einen kleinen Kreis um den Kirchengemeinderat Julius Thumm zusammengeschrumpft war, um schließlich ganz zu verschwinden

     

    Einen rührigen Pfarrer erhielt die Gemeinde 1899 mit Wilhelm Pfähler (1857 – 1919). Der gebürtige Ulmer hatte seit 1887 Erfahrungen als Geistlicher in der evangelischen Diaspora in Oberösterreich gesammelt. Bereits zwei Monate nach seiner Ankunft in Bonlanden berief er eine Bürgerversammlung im „Rössle“ ein und machte den Gemeindegliedern in einem einstündigen Vortrag klar, dass die Unterstützung der Notleidenden in erster Linie eine Sache der gegenseitigen Hilfe der am Ort wohnenden Bürgerschaft sein müsse. Sein Aufruf bewirkte, dass sich einige „Edelgesinnte“ sofort als Mitglieder in die Liste für einen Armenunterstützungsverein eintrugen. In einer zweiten Bürgerversammlung 14 Tage danach konstituierte sich der Verein mit Satzungen und Beiträgen, Kasse und Vorstand. Da reichlich Spenden flossen, konnte der Verein regelmäßig Unterstützungen an Mittellose auszahlen, besonders an Kranke, die mit Arzt- und Arzneirechnungen im Rückstand waren. Aber auch durchreisende Bittsteller oder junge Wehrpflichtige aus dem Dorf erhielten Beihilfen. Unter Schultheiß Hörz wurde 1913 der Verein in den „Kranken- und Armenpflegeverein Bonlanden a. F.“ umgewandelt, mit dem Zweck, den Kranken in Bonlanden durch geregelte und fachgemäße Krankenpflege und den Armen durch Unterstützung zu dienen. Im Jahr 1922 gelang es dem Kranken- und Armenpflegeverein, von der Diakonissenanstalt Stuttgart in Person von Schwester Karoline Götz eine rührige Krankenschwester zu bekommen, die ihren Dienst 21 Jahre lang ausübte. Pfähler gewann durch seine lebensnahen Predigten und Bibelauslegungen auch eine große Zahl von Männern und gestaltete mit ihnen die Sonntagnachmittage. Bereits 1899 erwähnte er in seinem Pfarrbericht Zusammenkünfte im Pfarrhaus mit damals 10 Mitgliedern. Am 24. Juni 1900 erfolgte dann die offizielle Gründung des „Ev. Jünglings- und Männervereins Bonlanden e.V.“ mit 23 jüngeren und 27 erwachsenen Männern in der Wohnung des Lehrers Kraft.

     

    Mit ihrer Hilfe baute Pfähler, der als Vorsitzender des jungen Vereins fungierte, noch im gleichen Jahr auf dem verlassenen Kirchhof das Vereinshaus mit großem und kleinem Saal. Gesamtkosten damals: 13.743,15 Reichsmark, die vor der Inflation 1922 bezahlt waren. Zugleich brachte Pfähler in diesem Gebäude im 1. Stock einen Kindergarten unter, der am 22. November 1900 eröffnet wurde und vom Jünglings- und Männerverein unterhalten wurde. Die Kinderpflegerin wurde zunächst vom Pfarrer freigehalten, später wurde eine Großheppacher Diakonisse mit fester Besoldung angestellt, für die eine einfache Wohnung dazu gebaut wurde. Er war fast 60 Jahre lang die einzige Kindertagesstätte im Dorf. Außerdem besorgte Pfähler Instrumente, mit denen seine jungen Männer das Posaunenblasen erlernten. Ende 1903 trat der Posaunenchor, dirigiert von einem befreundeten Lehrer, dann zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf.  Pfähler verließ nach nur sechs Jahren den Ort in Richtung Dettingen u. T., von wo aus er 1916 nach Beihingen wechselte. Er hatte jedoch in relativ kurzer Zeit viel in dem kleinen Filderdorf in Gang gebracht, so dass ihn der Gemeinderat bei seinem Weggang 1905 zum Ehrenbürger ernannte. 

  • add Die zweite Kirchenerweiterung 1909

    Kircheninnenraum 1909-1973

    Pfarrhaus um 1910

    Nachfolger von Pfähler wurde 1905 der aus Horrheim stammende Emil Friedrich Siegel (1863 – 1942), für den Bonlanden nach Fachsenfeld und Schömberg i. Schw. die dritte Pfarrstelle war. Aufgrund der auf 1 300 gestiegenen Gemeindegliederzahl stand er sofort vor der Herausforderung einer Erweiterung des Kirchengebäudes, das mit seinen 340 Sitzplätzen zu klein war. Zu einem Neubau fehlten die finanziellen Mittel und auch das Gelände, da im Norden die Straße verlief und im Süden das Vereinshaus erstellt worden war. So fasste man den Entschluss, nach der Nordseite nun auch die Südseite um ein paar Meter nach außen zu rücken, um das Kirchenschiff erneut zu verbreitern; dieses Mal aber im Unterschied zu 1750 nur auf der halben Länge.

     

    Mit den Planungsarbeiten wurde einer der bedeutendsten deutschen Architekten beauftragt, der damals noch am Anfang seiner Karriere stand: Martin Elsaesser (1884 – 1957). Der gebürtige Tübinger hatte sich 1905 nach einem gewonnenen Wettbewerb für die evangelische Pfarrkirche Baden-Baden selbständig gemacht und entwickelte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der renommiertesten Kirchenarchitekten in Südwestdeutschland. Berühmte Bauwerke Elsässers sind beispielsweise die Markthalle Stuttgart (1911 – 1914), die Gaisburger Kirche (1913) oder die Kunstgewerbeschule Köln (1922 – 1924). Dass der spätere Professor die Umbauarbeiten an der Bonländer Kirche leitete, darf als glücklicher Umstand gewertet werden, auch wenn der Eingriff in die spätgotische Substanz wiederum ähnlich tief erfolgte wie 1750. Insgesamt jedoch fügt sich die Erweiterung der Bonländer Georgskirche wesentlich harmonischer in das Gesamtbild ein als die Anbauten beispielsweise bei der Sielminger Martinskirche 1931 oder der Bernhäuser Jakobuskirche 1956. Im Verlauf der Bauarbeiten kam der Gedanke auf, die Verbreiterung auf der ganzen Südfront durchzuziehen, doch scheiterte der Plan an den Kosten.

     

    Das Aufbringen der Mittel war überhaupt sehr mühsam, da große Spender fehlten und die Gemeinde sehr arm war. Von der Kirchenleitung bekam man lediglich einen Teil des landeskirchlichen Gottesdienstopfers; und selbst bis dies bewilligt wurde, brauchte es etliche Eingaben. Ein Darlehen musste aufgenommen werden, da der Gesamtaufwand der Erweiterung 24 000 Reichsmark betrug. Nun musste auch an der Südseite des Kirchenschiffes ein weiteres gotisches Fenster weichen, bis auf eines Richtung Turm, das allerdings innen von der Treppe zur Empore durchschnitten wurde. Gewonnen wurden dadurch ca. 40 Plätze, allerdings stellten die oben erreichten zwei Stuhlreihen auf der sog. Zwetschgendarre nur eine Notlösung dar, da von ihnen aus das Geschehen im Gottesdienstraum nicht eingesehen werden konnte. Sie wurden allerdings bis zur Renovierung 1974 von dem im Jahr 1904 entstandenen Posaunenchor in Gebrauch genommen.

     

    Die Kirche bekam einen neuen Altar und einen neuen Taufstein. In den Chorabschluss unter der Orgel, wo die Jugend ihre Plätze hatte, wurden drei neue Fenster eingefügt, und auch den Frauen unter der Empore der Nordseite wurde durch drei Fenster mehr Licht zugeführt. Die Empore wurde bis auf die Pfeiler neu konstruiert und aufgebaut, ihrer Brüstung wurde mit vier von Kunstmaler Pfennig im Jugendstil geschaffenen Bildern geschmückt. Sie zeigen Christus, Johannes den Täufer, einen Jüngling mit Blume und einen Greis mit der Bibel. Die beiden letztgenannten sollten an der Männerempore wohl die alte und die junge Generation darstellen. Die Orgel wollte man zunächst ganz aus dem Chor herausnehmen, weil sie nicht bloß dem Kirchenchor keinen  Platz zum Sitzen ließ, sondern auch die gotischen Fenster und das Netzgewölbe des Chores vollständig verdeckte. So äußerte der Kirchengemeinderat im Jahr 1907 im Blick auf die in Aussicht genommene Renovierung, er „möchte noch lieber die Orgel ganz aus dem Chor hinausgetan sehen.“ Allerdings verwarf man diese Überlegungen, weil man ja damals Plätze gewinnen und nicht verlieren wollte. Den Sakristeieingang in die Kirche verlegte man wegen der Kanzeltreppe vom Norden in den Chor nach Westen in das Schiff, so dass der Pfarrer gleich die Kanzel besteigen konnte.

     

    Die Wiedereinweihung der erweiterten und erneuerten Kirche wurde am 24. Oktober 1909 mit einem Festzug vom Rathaus zur Kirche und einem Festessen im „Lamm“ in der Unterdorfstraße gefeiert. Den Festgottesdienst, den der Liederkranz musikalisch mitgestaltete, hielten Prälat von Berg, Dekan Kopp und Pfarrer Siegel, der pred.

  • add Die Zeit der Weltkriege und der Nachkriegszeiten

    1916, mitten im Ersten Weltkrieg, verließ Pfarrer Siegel Bonlanden, um in Plieningen seinen Dienst fortzusetzen; seine bisherige Stelle übernahm im gleichen Jahr noch Eugen Ramsler (1877 - 1943). Geboren in Isny hatte er bereits erste Erfahrungen auf der Pfarrstelle in Grab sammeln können. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt musste die 470 kg schwere A-Glocke von 1840 eingeschmolzen werden, um mit ihrem Metall kriegerischen Zwecken zu dienen. Der Ersatz dieser Glocke, den der Kirchengemeinderat schon 1919 betrieb, zog sich über vier Jahre hin. Erst im Jahr 1923 bestellte die Kirchengemeinde eine 375 kg schwere neue A-Glocke. Kosten damals: 1 135 233 Mark. Nachdem Siegel 1927 auf die Pfarrstelle in Grossdeinbad ernannt worden war, kam der gebürtige Reutlinger Albert Hecklinger (1900 – 1994) im gleichen Jahr in die Gemeinde und blieb dort zwölf Jahre.


    In seine Amtszeit fällt auch der Beginn des Wirkens von Christiane Leitenberger (1890 – 1958), bekannt unter dem Namen „Nanele“. Als Tochter eines Weingärtners wuchs sie mit ihren acht Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. Sie erlernte wie damals üblich keinen Beruf, sondern kümmerte sich um den Haushalt und ihre Geschwister. Bald jedoch spürte die Kinderkirchhelferin ihre Berufung im seelsorglichen Dienst an ihren Mitmenschen und gründete nach dem zweijährigen Besuch der Chrischona-Bibelschule in Bad Cannstatt 1933 in Bonlanden einen Hauskreis im Wohnzimmer der Eltern, zu dem anfänglich nur Frauen kamen. Neben diesem Treffen hielt sie weitere Versammlungen in Birkach, Riedenberg, Denkendorf und Plieningen ab, wobei sie alle Strecken zu Fuß zurücklegte. Bald wurde für die vielen Besucher ihrer „Schdond“ das elterliche Wohnzimmer in der Nähe der Kirche zu klein, so dass Anfang der 1940er Jahre die alte Scheune zum Gebetssaal umgebaut wurde. In den 1950er Jahren, als der Zulauf auf bis zu 200 Personen angewachsen war, darunter 50 bis 80 Einheimische, wurde in der Hölderlinstraße ein eigenes Gebäude errichtet, die sogenannte „Friedenshütte“. Ihr eigenes Haus hatte sie inzwischen zu einem Erholungsheim mit 22 Betten umgebaut. Gesundbeten, Geistbetörung, schwärmerischer Subjektivismus und eigene Abendfeiern führten zu starken Spannungen mit der Kirchengemeinde, obwohl Christiane Leitenberger weiterhin Mitglied blieb und auch die Gottesdienste regelmäßig besuchte.

     

    Nach ihrem Tod führte zunächst ein Brüderkreis die Arbeit fort. Die Gemeinschaft baute 1964 eine Baracke, bis 1974 die Friedenshütte in ihrer jetzigen Form eingeweiht wurde. Ein weiterer Markstein bestand in der Aussendung des Missionars Wolf Munzinger, Sohn des damaligen Vorstands Friedrich Munzinger, 1967 nach Pakistan. Inzwischen hat sich die Gruppierung, die um die Jahrtausendwende auch mit Jungschar- und Frauenfrühstücksarbeit begonnen hat, der Liebenzeller Gemeinschaft angeschlossen und arbeitet in der örtlichen Allianz mit. 

     

    In der Zeit des Dritten Reiches wurde durch die braunen Machthaber ab 1933 die freie bündische Jugendarbeit, zu der auch der CVJM zählte, immer mehr erschwert. So musste der CVJM Bonlanden das Turnen aufgeben, das in der 1925 angebauten kleinen Turnhalle und auf dem 1931 erworbenen Spielplatz ausgeübt worden war. Der Posaunenchor sollte sich mit der Musikkapelle des Albvereins und dem Musikverein auf Forderung der NSDAP zusammenschließen, doch die Vereine weigerten sich. Das Jahr 1939 wurde zum bedeutsamen Jahr für Bonlanden: Der Zweite Weltkrieg brach aus, das CVJM-Vereinshaus wurde wegen der politischen Unsicherheit an die Kirchengemeinde übereignet und Hecklinger wechselte nach Rottweil über. Sein Nachfolger Gerhard Wagner (1913 – 1974) wurde sogleich zum Wehrdienst eingezogen, dafür blieb seine Frau auf dem Posten. Erst am 1. Oktober 1945 kehrte er wieder verwundet aus der amerikanischen Gefangenschaft zurück an seine Pfarrstelle. In der Vakanzzeit während des Krieges mussten verschiedene Ruhestands- und Nachbarpfarrer und -vikare Dienste in Bonlanden übernehmen: Von August bis Dezember 1939 Vikar Angele aus Musberg, von Januar bis März 1940 Pfarrverweser Löw, von April 1940 bis Anfang 1941 Stadtpfarrer i. R. Hahn, von Mai 1941 bis Anfang 1942 Pfarrer Weber aus Steinenbronn, von März 1942 bis August 1942 Pfarrer Schmid aus Plattenhardt, von September 1942 bis Januar 1943 Pfarrer Theo Kübler aus Stuttgart, von Februar 1943 bis September 1944 Pfarrer Schmidt aus Plattenhardt und von Oktober 1944 bis Juni 1946 Missionar Seibold.

     

    Die Einschränkungen in den Kriegszeiten betrafen nicht nur den Pfarrdienst, sondern auch den Kirchenchor, dessen Tätigkeit stark zurückging, sowie den Konfirmandenunterricht, der wegen der Fliegerangriffe zeitweilig unter der Brücke des Pfarrhauses stattfinden musste, wobei der Gewölbekeller im Pfarrhaus der umliegenden Bevölkerung als Luftschutzbunker diente.

     

    Von Oktober 1945 bis Juni 1946 wurde zwischen Missionar Seibold und Pfarrer Wagner eine Arbeitsteilung im Amt vorgenommen. Nachdem sich der Gesundheitszustand des Geistlichen wieder gebessert hatte, übernahm er im Juni 1946 wieder alle Dienste in beiden Gemeinden, Bonlanden und Harthausen. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg besuchten ca. 350 – 400 Gemeindeglieder regelmäßig den Gottesdienst, davon 100 – 120 Männer, also ca. 25 % der evangelischen Einwohner. Aufgrund der Kriegswirren waren 800 Flüchtlinge nach Bonlanden gekommen, darunter 670 Katholiken, so dass zum ersten Mal sich eine katholische Gemeinde in den bisher rein evangelischen Orten bildete. Waren die wenigen Katholiken bis dato nach Neuhausen eingepfarrt gewesen, so wurden nach dem Krieg die Flüchtlinge zunächst von der Seelsorgestelle Echterdingen aus pastorisiert. Die katholischen Gottesdienste fanden durch das Entgegenkommen der evangelischen Kirchengemeinde im evangelischen Gemeindesaal in Bonlanden statt, bis 1957 die Liebfrauenkirche zwischen Bonlanden und Plattenhardt in Gebrauch genommen werden konnte. Die ökumenische Zusammenarbeit fand 2004 einen vorläufigen Höhepunkt in der Gründung der „ACK (Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen) in Filderstadt, der neben der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde Bonlanden auch die evangelische Kirche Plattenhardt sowie die EMK Bonlanden angehören.

     

    Nach dem Krieg wurden die Gemeindegruppen wieder neu aufgebaut, getrennt nach Altersstufen und Tätigkeitsgebieten. Das Jungmännerwerk umfasste 1947 bereits wieder drei Jugendgruppen mit ca. 70 Kinder und Jugendlichen, das Mädchenwerk ebenfalls drei Jugendgruppen mit ca. 80 – 100 Kinder und Jugendlichen. In seinem Visitationsbericht von 1947 beschrieb Wagner die Lage im Ort folgendermaßen:

    „Ein fester Stamm von treuen Gemeindegliedern ist... vorhanden, und zwar auch unter den Männern. Vor allem ist es... die bäuerliche Substanz, die sich treu zu Kirche hält. Ein grundlegender Einbruch der christlichen Verkündigung in die männliche Arbeiterbevölkerung hat sich noch nicht ereignet. Marxistische und nationalsozialistische Ideen sowie die ganze Notlage der Gegenwart bewirken gerade in diesen Bevölkerungsschichten oft völlige kirchliche Gleichgültigkeit... Das eheliche Leben leidet weithin unter den durch den Krieg verursachten Zusammenbrüchen auf sittlichem und seelischem Gebiet... Regelmässige Hausandacht ist nur in den Häusern der treuen Gemeindeglieder zu finden. Es gibt Familien, in denen der Hausvater das Tischgebet verbietet... Die Kinderzucht liegt namentlich in Bonlanden sehr im Argen. Man hat den Eindruck, dass sich oft auch kirchlich gesinnte Eltern gar nicht oder nur wenig um ihre Kinder kümmern... Die sozialen Gegensätze zwischen Arbeiterschaft und Bauernbevölkerung sind... durch den Krieg... noch grösser geworden... Gesang-Turn-Fussball-u. andere Vereine haben heute… wieder großen Zulauf, weil dort am meisten der neu erwachten Tanz- und Vergnügungssucht Rechnung getragen wird. Die Wirtshäuser (Bonlanden 6, Harthausen 3) werden meist nur noch zu Tanzunterhaltungen und sonstigen Festereien besucht... Zusammensetzung der Bevölkerung: 1/3 Bauern, 2/3 Arbeiter. In Bonlanden vor allem: Maurer und Plattenleger, Bürstenbinder, Heimarbeit.“

     

    1949 ging Gerhard Wagner Bonlanden zunächst nach Mergelstetten 1955 wurde er Pfarrer in Mettingen, 1962 übernahm er den Ev. Jugendaufbaudienst, um schließlich seine kirchliche Laufbahn als Schuldekan in Waiblingen zu beenden.

     

    Paul-Gerhard Straub (1908 – 1979), geboren in Stuttgart, wurde nach seiner ersten Pfarrstelle in Neuhausen o. E. 1949 als nächster Stelleninhaber investiert. Das Pfarrhaus musste er sich noch bis in die späten 1950er Jahre hinein mit zwei dreiköpfigen Flüchtlingsfamilien teilen, so dass der Pfarrfamilie außer dem Amtszimmer nur vier weitere Räume zur Verfügung standen. In Straubs Amtszeit fiel die Auftrennung von Bonlanden und Harthausen, das am 6. Oktober 1956 zur selbständigen Pfarrei erhoben wurde, nach fast 120jähriger Verbundenheit.

     

    Zwei Jahre zuvor, nämlich 1954,  wurde das Geläut auf drei Bronzeglocken erweitert, wobei die A-Glocke, die man 1949 als Ersatz für die 1942 abgelieferte alte A-Glocke beschafft hatte, umgegossen werden musste, da sie im Ton zu tief ausfiel. Die drei neuen Glocken, die von der Glockengießerei Kurtz gegossen wurden, sind: Die große Rufglocke, 940 kg schwer, mit dem F und der Inschrift „Dein Name werde geheiligt“ trägt das Symbol des Gnadenstuhls und ruft zu den Gottesdiensten. Die mittlere Betglocke, 560 kg schwer mit dem Ton As und der Inschrift „Gib uns den Frieden, o Jesu“ und einer Kreuzigungsgruppe, läutet den Tag um 7.00 Uhr ein, will um 11.00 Uhr, 15.00 Uhr und um 18.00 Uhr zum Beten einladen und beim Vaterunser; die kleine, von der bürgerlichen Gemeinde gestiftete Zeichenglocke, 400 kg schwer, mit dem Ton B und der Inschrift „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“, hat als Symbol die Taube über dem Wasser mit dem Kreuzeszeichen und läutet bei Taufen und schlägt die Viertelstunden an. Das Bonländer Geläut ist zwar nicht so umfangreich wie das der der Bernhäuser Jakobuskirche mit fünf Glocken, aber dennoch unüberhörbar.

    Der kunstsinnige Pfarrer Straub machte den Entwurf für die neue Kanzel aus Eichenholz, für deren Finanzierung unter anderem die Konfirmandengaben herangezogen wurden. 1952 gab es dazu erste Überlegungen im Kirchengemeinderat, da die bisherige Kanzel als „Fremdkörper“ empfunden wurde, doch erst 1962 war es soweit, dass die aus schwerem, dunklem Eichenholz gefertigte Kanzel eingebaut werden konnte. Die als Kapitell fungierende Plastik im Kanzelfuß wurde vom Plieninger Bildhauer Ulrich Henn (* 1925) gefertigt und stellt die Bindung Isaaks aus 1. Mose 22 dar. Besagter Künstler führte auch die Restaurierung des Kruzifixes 1951/52 durch, indem er die Holzplastik mit einem schlammigen Braun überzog, um die Risse etwas zu kaschieren. Der Kruzifix erhielt bei dieser Gelegenheit einen neuen Platz und wurde nun hinter dem Altar aufgestellt.

    Pfarrer Straub erlebte nicht mehr als Ortsgeistlicher diesen Vorgang, versah er doch seit 1961 seinen Dienst als Religionslehrer zunächst in Reutlingen, seit 1966 in Freudenstadt. Für ihn war noch im gleichen Jahr der in Grunbach geborene Richard Rommel (* 1920) aus Holzheim gekommen, unter dessen Leitung das Gemeindehaus neu erbaut wurde. Bereits 1956 hatte der CVJM-Vorstand sich an die Kirchengemeinde gewandt, weil das Vereinshaus als zu klein empfunden wurde. Besonders bei parallel laufenden Veranstaltungen kam es zu Schwierigkeiten. Die Kirchengemeinde wollte sich damals nicht zuletzt auch wegen des Kindergartens um eine Lösung bemühen, jedoch verzögerte sich das Projekt um einige Jahre. Erst 1963 wurde das alte Vereinshaus abgerissen und unter großem Einsatz von ehrenamtlichen Helfern der Gemeindehausneubau in Angriff genommen, der 1965 mit der Einweihung seinen Abschluss fand. Benannt wurde das Gebäude nach dem CVJM-Gründer „Wilhelm-Pfähler-Haus“. Nun gab es auf zwei Stockwerken eine große Anzahl von Räumen, darumter auch ein Gymnastikraum sowie den großen Saal für 150 – 200 Personen. Betroffen von der baulichen Veränderung war auch die Kindergartenabteilung, die seit der Jahrhundertwende im Vereinshaus untergebracht war, deren räumlichen Verhältnisse allerdings immer beengter wurden.

     

    Im Jahr 1962 schloss die Kirchengemeinde mit der bürgerlichen Gemeinde einen Vertrag, wonach die bürgerliche Gemeinde mit Hilfe eines Kostenanteils der evangelischen Kirchengemeinde auf dem gemeindeeigenen Grundstück an der Jahnstraße einen zweiklassigen Kindergarten mit zwei Erzieherinnenwohnungen errichtet. Dieser Kindergarten wurde in die Trägerschaft der Kirchengemeinde übergeben, die seither diesen Kindergarten führt. Inzwischen trägt dieser erste Flachbaubau Bonlandens, der in der Humboldtstraße steht, den Namen „Gustav-Werner-Kindergarten“, benannt nach dem Theologen und Rettungsanstaltsleiter Gustav Werner (1809-1887).

     

    Nachdem Schwester Marie von 1930 bis 1966 die Kindergartenarbeit in Bonlanden geleitet hatte, ging sie in den verdienten Ruhestand; ihre Nachfolgerin wurde Schwester Else Ruck. Durch das rasche Wachstum der Gemeinde konnte der evangelische Kindergarten in der Jahnstraße die große Zahl der Kindergartenanmeldungen nicht mehr bewältigen. Im Jahr 1967 wurde daher von der Gemeinde im Schulgebäude Schillerstraße eine weitere Kindergartenklasse eingerichtet, die ebenfalls von der evangelischen Kirche betreut wurde. Auch diese Klasse wurde bald zu klein, so dass die Gemeinde vor der Frage stand, wie die benötigten Kindergartenplätze geschaffen werden konnten. Bereits im Jahr 1968 konnten vertragliche Abmachungen getroffen werden, wonach die evangelische Kirchengemeinde mit 50%iger Kostenbeteiligung der bürgerlichen Gemeinde einen zweiklassigen Kindergarten errichtet. Nachdem die Finanzierungsfragen geklärt waren, entschied man sich im Jahr 1969, im Anschluss an das an der Steinstraße von der Gemeinde geplante Feuerwehrgerätehaus in Fertigbauweise einen zweiklassigen Kindergarten mit einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung anzubauen. Die Einweihung des neuen Georgskindergartens erfolgte während der Feierlichkeiten zum 700-Jahre-Jubiläum noch im gleichen Jahr. Der Georgskindergarten bietet verschiedene Räumlichkeiten für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder und Eltern. Er ist eine zweigruppige Einrichtung, die von je 25 Kindern im Alter von 3 – 6 Jahren besucht wird. Im Jahr 2001 wurde er außen und innen grundlegend für über 500 000 Euro renoviert, so dass er jetzt in neuem Glanz erstrahlt.

     

    Rommel, der im Heimatbuch von 1970 einige Artikel verfasst hatte und auch sonst literarisch tätig war, trat in der Möhringer Martinskirche Nord 1970 sein neues Amt an. Abgelöst wurde er nach einer längeren Vakanz 1972 durch den gebürtigen Weilheimer Friedrich Nething (1915 – 2000), der nach Pfarrstellen in Blaubeuren und Alpirsbach mitten in die Planungen zur Neugestaltung der Georgskirche hinein in Bonlanden aufzog, um in Bonlanden seine letzte Pfarrstelle zu versehen.   

  • add Die Kirchenrenovierung 1973/74

    Mehrere längst geplante und fällige Einzelprojekte wie die Erneuerung der Sakristei, die Neugestaltung des Turmvorraums, des Bodenbelags in den Gängen, die Außenerneuerung des Chores und die Überholung der Orgel hatten nämlich in die Überlegung gemündet, das Kirchengebäude grundlegend zu renovieren. In diesem Zusammenhang drängte sich die Frage nach einer besseren Aufstellung der Orgel auf. Die Pläne waren so weit gediehen, dass die Empore abgebrochen und die Orgel auf dem unteren Boden des Chorraums aufgestellt werden sollte. In Verbindung mit dieser Maßnahme sollten die gotischen Fenster farbig verglast und die stilwidrigen unteren Fenster von 1909 wieder geschlossen werden. Die übrigen notwendigen Arbeiten wie der neue Bodenbelag in den Gängen sollte sich anschließen, doch aufgrund der Vakatur ruhten die Vorhaben. Lediglich der Aufgang zum Turm und der Einbau einer elektrischen Turmuhr kam zustande. Da gab das Gutachter des Orgelsachverständigen Dr. Supper aus Esslingen der Planung eine Wende. Er erklärte:

     

    „Diese Orgel, namentlich ihr Prospekt, passt in dieser Kirche nur an ihren jetzigen Standort, nicht aber auf den Boden des Chors und auch nicht auf eine andere Empore – verkauft sie doch!“

     

    Tatsächlich meldeten sich einige Interessenten, teilweise von weit her, doch allen waren die Kosten des Abbruchs, des Transports und der Neuaufstellung zu hoch, sogar, wenn ihnen die Orgel umsonst überlassen worden wäre. Der Kirchengemeinderat beschloss dennoch, eine neue Orgel in Auftrag zu geben. Allerdings musste er sich damit abfinden, dass sechs Register aus der alten in die neue Orgel übernommen wurden. Die übrigen wurden einzeln günstig verkauft, der Prospekt dem Heimatmuseum übergeben. Die neue Orgel, die nicht mehr im Chor, sondern auf der nördlichen Seitenempore aufgestellt wurde, konstruierte die Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen. Ihre Registerzusammenstellung – 19 Register mit 1318 Pfeifen, verteilt auf zwei Manuale und das Pedal – wurde von Professor Liedecke entworfen.

    Um sich für die Erneuerungsarbeiten Impulse geben zu lassen, sah sich der Kirchengemeinderat in der näheren Umgebung frisch renovierte Kirchen an und gewann den Eindruck, dass die Umgestaltung nicht nur auf den Altarraum, die Orgel und andere Ausbesserungsarbeiten sich erstrecken dürfe, sondern die ganze Kirche einzubeziehen sei. Dies wurde sogar vom Oberkirchenrat insofern bestätigt, als er auf ein Gesuch der Gemeinde um Genehmigung nach einer umfassenden Renovierung im September 1972 antwortete, die Kirche in Bonlanden falle gegenüber den anderen alten Kirchen auf den Fildern ab, eine Erneuerung deswegen zwar erwünscht, aber nicht besonders vordringlich sei. Vom Kirchenbezirksausschuss jedoch kam die notwendige Unterstützung: Er besichtigte die Georgskirche im Januar 1973 und befürwortete nachdrücklich, dass sie „unbedingt und zwar in einem Zug erneuert werden müsse.“ Auf diesen Bescheid des Kirchenbezirksausschusses hin gab der Oberkirchenrat grünes Licht und beauftragte Architekt Gottfried Wendschuh (* 1924) aus Stuttgart-Plieningen mit einer neuen Planung, die Gesamtmaßnahmen in Höhe von 550 000,-- DM vorsah. Am 7. Oktober 1973 fand der letzte Gottesdienst in der Kirche statt, danach begannen die umfangreichen Umbauarbeiten. 

    Dem neuen Platz der Orgel auf der nördlichen Empore zuzustimmen fiel dem Kirchengemeinderat nicht leicht, weil dafür eine Anzahl von Sitzplätzen geopfert werden musste, die allerdings im nun im frei gewordenen Chor wieder gewonnen werden konnten. Im Chor selbst wurden die Fensterumrahmungen aus dem 18. Jahrhundert restauriert, die unteren, 1909 eingebauten, stilwidrigen Fenster wurden verschlossen. Außerdem wurden die Chorfenster wieder farbig verglast. Dem Künstler Wolf-Dieter Kohler (1928 – 1985) aus Stuttgart wurde der Auftrag erteilt, in drei Fenstern darzustellen, was Grund und Inhalt des evangelischen Gottesdienstes ist, nämlich das Wort Gottes und die Sakramente. So wurde das mittlere Fenster dem Wort, die beiden äußeren Fenster Taufe und Abendmahl zugeordnet.

     

    Das linke Fenster zeigt von unten nach oben Noahs Dankopfer. Schon in der Urkirche (1. Petrus 3,20ff.) galt die Sintflut als Hinweis auf das Wasser der Taufe mit der Rettung vor dem ewigen Tod. Das Dankopfer Noahs versinnbildlicht dabei das Leben der Christen als Dankopfer für das erfahrene Heil (Römer 12,1). Darüber befindet sich ein weiteres Vorbild der Taufe im Alten Bund: der Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, den das Gottesvolk stets als die große Wundertat des Herrn am Anfang seiner Geschichte bekannte. In der Taufe Jesu durch Johannes im Jordan ist die christliche Taufe begründet. In ihr sieht die Kirche die Einsetzung des Sakraments, das die Gläubigen empfangen.

    Das mittlere Fenster mit dem Thema „Wort Gottes“ zeigt im unteren Feld die Vertreter des Gesetzes: Mose mit den Gebotstafeln und seinen Bruder Aaron, den Priester des Alten Bundes. Über dem Gesetz steht das Evangelium von Kreuz und Auferstehung Jesu, das seine Vollendung in der Wiederkunft Jesu findet und dem ewigen Leben, symbolisch dargestellt im Lebensbaum.

    Das rechte Fenster bezieht sich auf das Hl. Abendmahl. In dem Brot und Wein, das Melchisedek, Priester Gottes, Abraham darreichte (1. Mose 14,18f.) fand die Kirche ebenfalls einen Hinweis auf das Mahl des Neuen Bundes. Viel deutlicher ist es allerdings im Passamahl vorgebildet, das die Israeliten in Ägypten hielten, um vom Todesengel verschont zu werden, und in dem Mann, dem Himmelsbrot, das sie in der Wüste fanden. Im oberen Feld erscheint dann die Einsetzung des Hl. Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern am Gründonnerstag.   

     

    Das gotische Kruzifix wurde, um es fremden Zugriffen zu entziehen, über den Altar aufgehängt und fand dadurch einen noch besseren, den ganzen Raum beherrschenden Platz. Die bisherigen Prinzipalstücke Altar und Taufstein wurden durch von Architekt Wendschuh neu entworfene ersetzt. Die Ausführung in Sandstein übernahm Bildhauer Waldemar Beck (* 1951) aus Bonlanden. Die neue Aufstellung der Orgel verschloss zugleich den Zugang zur Empore auf dieser Seite, was für das äußere Bild der Kirche ein Gewinn war. Die bisherige Emporenbrüstung wurde durch eine neue, niedrigere und durchbrochene ersetzt, da die alte die oben Sitzenden vollkommen von den unten im Schiff Befindlichen abschloss. Nur im Stehen war eine Sichtverbindung zum Altar und zum Taufstein möglich gewesen. Von den Jugendstil-Bildern der Brüstung wurden zwei ins Heimatmuseum verbracht, die anderen beiden auf dem Dachstock der Kirche eingelagert. Auf der Längsempore wurden statt der Bänke Stühle aufgestellt, um für größere kirchenmusikalische Aufführungen eine bewegliche Anordnung der Stühle bei der Orgel zu erzielen. Überhaupt wurden die alten, grau gestrichenen und nicht sehr bequemen Kirchenbänke komplett durch neuere, hellere und ansprechendere ausgetauscht. Außerdem wurden die Steinsäulen und Steinbogen der Südempore ihres Grauanstrichs beraubt und wieder natursichtig gemacht. 

     

    Der Zugang aus der Sakristei in die Kirche wurde verlegt, um fünf Bankreihen seitlich bei der Kanzel aufstellen zu können. Zugleich wurde dadurch ein größerer freier Platz um Altar und Kanzel geschaffen, die Kanzeltreppe aus dem Blickfeld genommen und der Sakristei eine breite Schrankwand ermöglicht. Damit stellte man die Gegebenheiten vor dem Umbau von 1909 wieder her. Die Pfarrertafel, die sich im Vorraum der Kirche befand, musste der Georgplastik, einer Stiftung der bürgerlichen Gemeinde anlässlich der Wiedereröffnung der Kirche weichen. Sie wurde ebenfalls in die Bühne des Kirchenschiffs verbracht. An der Decke des Kirchenschiffes wurde bei der Beleuchtung eine Änderung vorgenommen: die herabhängenden Lampen wurden entfernt und statt dessen Löcher in die einzelnen Kassetten für Lichtstrahler gebohrt.

     

    Am 20. Oktober 1974 feierten die Bonländer die Wiedereinweihung ihrer Kirche. Im Anschluss an den Gottesdienst fand ein Empfang mit Ansprachen und Grußworten im Gemeindehaus statt. Anstatt zum Mittagessen wurde die ganze Gemeinde von 15.00 Uhr an zu einem kostenlosen Kaffeetrinken eingeladen. Nething verließ 1978 die Gemeinde als Emeritus und Hansfrieder Hellenschmidt (* 1934) kam an seine Stelle. Der aus Husum stammende spätere Vorsitzende der „Bekenntnisbewegung kein anderes Evangelium“ bemühte sich sogleich um weitere hauptamtliche Mitarbeiter. So holte er bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt 1979 von der Aidlinger Diakonissenschaft Schwester Helga Mast (* 1950), die als Gemeindediakonin neben dem Religionsunterricht vor allem in den Bereichen Kinder, Jugend und Frauen aktiv wurde. Nach ihrer Abberufung führte Schwester Gieselheid Czeschin (* 1954) seit 1984 die Arbeit weiter. Schon 1978 kam mit Gerhard Zellmer (* 1949) der erste Vikar, da die Gemeindegröße eine Entlastung des geschäftsführenden Pfarrers dringend erforderlich machte. Er bekam als Parochie den Norden Bonlandens mit ungefähr 1500 Gemeindegliedern zugewiesen. Bereits nach einem Jahr verließ Zellmer Bonlanden und erst 1981 wurde seine Stelle durch Albrecht Krämer (* 1949) wieder besetzt. Abgelöst wurde dieser 1983 durch Wilfried Veeser (* 1956), auf den 1986 Vikar Markus Sigloch (* 1957) folgte. 1989 schließlich kam mit Vikar Robert Radu (* 1948) der letzte Vikar, da der seit etlichen Jahren angedachte Plan zur Einrichtung einer zweiten Pfarrstelle in Angriff genommen wurde. Auch bauliche Veränderungen wurden in der Zeit Hellenschmidts durchgeführt. So wurde in Kooperation mit der Stadt Filderstadt 1989 ein Brunnen direkt neben der erneuerten Kirchentreppe angelegt. Als bildliche Darstellung waren zunächst Gänse u.ä. vorgesehen, doch Hellenschmidt konnte erreichen, dass die Lutherrose angebracht wurde. Sie ist ein Symbol aus der Reformationszeit, das eng mit dem Leben Luthers zu tun hat. Was Luther an Krankheit, Sorgen und Anfechtungen erfahren hat, ist in seinem Wappen sinnbildlich zusammengefasst.

     

    In einem Brief vom 8. Juli 1530 deutet Martin Luther (1483 – 1546) das Wappen als ein Merkzeichen seiner Theologie. Der Anlass war, dass der Kurprinz Johann Friedrich von Sachsen für den Reformator einen Siegelring mit seinem Wappen anfertigen ließ. Luther selbst gibt folgende Deutung dazu:

    „Das erst sollt ein Kreuz sein schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gäbe, dass der Glaube an den Gekreuzigten uns selig macht. Denn so man von Herzen glaubt, wird man gerecht. Ob es nun ein schweres Kreuz ist, und soll auch wehe tun, noch lässt es das Herz in seiner Farbe, verderbt die Natur nicht, das ist, es tot nicht, sondern behält lebendig. Der Gerechte lebt zwar durch den Glauben, aber durch den gekreuzigten Glauben. Ein solches Herz aber soll mitten in einer weißen Rose stehen, um anzuzeigen, dass der Glaube Freude, Trost und Friede gibt, und kurz in eine weiße fröhliche Rose setzt, nicht wie die Welt Friede und Freude gibt, darum soll die Rose weiß und nicht rot sein. Denn die weiße Farbe ist die Farbe des Geistes und aller Engel Farbe. Eine solche Rose steht im himmelfarbenen Felde, dass eine solche Freude im Geist und Glauben der Anfang der himmlischen zukünftigen Freude ist, jetzt wohl schon drinnen begriffen, und durch Hoffnung gefasst, aber noch nicht offenbar. Und um ein solches Feld einen goldenen Ring, dass solche Seligkeit im Himmel ewig währt und kein Ende hat, und auch köstlich über alle Freude und Güter ist, wie das Gold das höchste, köstlichste Erz ist.“

    Außerdem wurde nach einem Grundstückskauf die Erweiterung des Gemeindehauses geplant und durchgeführt, nachdem die Räumlichkeiten wieder zu eng geworden waren für die vielen Kreise von CVJM und Kirchengemeinde. Am 1. Advent 1987 wurde der große Anbau mit einem großen Kirchenfest durch den neu gewählten Landesbischof Theo Sorg eingeweiht: Auf vier Stockwerken waren neben Gruppenräumen auch eine große Hausmeisterwohnung sowie ein Bastelkeller mit Brennofen untergebracht. Die Kosten beliefen sich damals auf 1,1 Mio DM, wobei noch viele Eigenleistungen mit eingeflossen waren. Durch diese Erweiterung standen der Kirchengemeinde nun acht Gruppenräume zur Verfügung.

     

    Ein weiterer Ausbau der Kindergartenarbeit bedeutete 1989 die Übernahme einer  Kindergartengruppe durch die Kirchengemeinde im neu erbauten Luise-Scheppler-Kindergarten in der Jörg-Rathgeb-Straße. Zunächst eingruppig neben der Vorschule im gleichen Gebäude kam 1993 noch eine weitere Gruppe hinzu, so dass der Luise-Scheppler-Kindergarten als zweigruppige Einrichtung geführt wird. Von daher befinden sich zur Zeit drei zweigruppige Kindergärten in Bonlanden in evangelischer Trägerschaft.

     

    Als Hellenschmidt 1990 nach Wildbad in den Schwarzwald wechselte, wurde der Stuttgarter Albrecht Traub (* 1935), vorher Pfarrer in Urbach, sein Nachfolger. Aufgrund der auf über 4000 Seelen angestiegenen Gemeindegliederzahl wandelte der Oberkirchenrat 1991 das ständige Pfarrvikariat in ein zweites Pfarramt um, das bis 1993 von Walter Hörmann (* 1950) versehen wurde. Das stellenteilende Pfarrerehepaar Claudia (* 1962) und Stefan Hermann (* 1964) folgte bis 2001, wobei 1997 Pfarramt II in Pfarramt Nord und das geschäftsführende Pfarramt I in Pfarramt Süd umbenannt wurden. Aufgrund der Teilung der Parochie in zwei Pfarrbezirke  - heute entlang der Metzinger und der Plattenhardter Straße – benötigte die Kirchengemeinde ein weiteres Pfarrhaus. So wurde 1991 für 1,1 Mio DM ein Mehrfamilienhaus in der Steinstraße erworben. Es beherbergte nicht nur die Amtsräume sowie die Wohnung für die zweite Pfarrfamilie, sondern auch bis 2003 die Diakonie-Sozialstation Bonlanden-Plattenhardt. Im Sommer 1995 wurde das 1965 erbaute alte Gemeindehaus grundlegend an der Fassade, am Dach und den Fenstern renoviert sowie der Eingangsbereich neu gestaltet. Im Herbst 2001 ging Traub in den Ruhestand nach Stetten und seine bisherige Stelle wurde mit dem gebürtigen Nagolder Dr. Wolfgang Schnabel (* 1959), vormals Pfarrer in Locherhof bei Schramberg, besetzt. Im Jahr 2003 schließlich zog Christine Streib (* 1958) aus Nagold auf, um im Pfarramt Nord tätig zu werden.  

     

  • add Die Kirchenrenovierung 2002/2003

    Georgskirche nach der Renovierung 2002

    Inneres der Kirche seit 2002

    Bei der Montage der Mobilfunkanlage der Deutschen Telekom auf dem Turm der Georgskirche wurde am 27. Oktober 2000 festgestellt, dass bis zu 90 % der Schwellerbalken durch Fäulnis so stark befallen waren, dass die Gefahr des Auseinanderdriftens des Turmhelms bestand. Bei der weiteren Inspizierung des Turmes und der Kirche wurden immer mehr Schäden wie z.B. der abbröckelnde Innen- und Außenputz, defekte Turmmauerfugen oder der instabile Chordachstuhl aufgenommen, so dass schließlich vom Kirchengemeinderat eine umfassende Innen- und Außenrenovierung ins Auge gefasst wurde. Die Kostenermittlung durch das von der Kirchengemeinde beauftragte Architekturbüro Golze aus Steinenbronn belief sich zunächst auf 600 000 Euro, wurde aber bei der Dachsanierung aufgrund der Entdeckung weiterer schwerer Mängel schließlich auf 660 000 Euro erhöht. Als Sofortmaßnahme wurden das Chor- und das Turmdachgestühl mit einer Eisenkonstruktion stabilisiert.

     

    Die Bauarbeiten wurden nach Ostern 2002 in Angriff genommen, und zwar zunächst in Form von Eigenleistungen. Ehrenamtliche Helfer bauten die Bänke ab, schlugen den von Wasser und Salz geschädigten Innen- und Außenputz herunter und demontierten die Emporendecke. Die ersten Handwerker nahmen am 27. Mai 2002 ihre Arbeit auf, die Kirche wurde innen und außen eingerüstet. Hauptgewerke waren die Steinmetz-, die Zimmermann- und die Dachdeckerarbeiten, denn der Schwerpunkt lag auf der Außensanierung. Die schadhafte Zementschwemme wurde durch einen Sanierputz mit Kapillarwirkung ersetzt und die Kirche rundherum neu gestrichen. Die morsch gewordenen und angefaulten Dachbalken und Dachlatten wurden ausgetauscht, die mit Beton zugeschmierten Turmfugen freigelegt und neu verfugt. Das Turmdach wurde mit Schiefer komplett neu eingedeckt und mit dem bereits im Brunnen vorhandenen Symbol der Lutherrose auf der Ostseite versehen. Das Chordach wurde komplett umgedeckt, wobei ca. ein Drittel der grün lasierten Ziegel ersetzt wurden. Die Außentreppe zur Empore wurde ab- und wieder aufgebaut, um die an der Kirchturmwand hinbetonierte Treppenwange abzureißen und mit etlichen Zentimetern Abstand neu zu errichten. Turmuhr und Turmhahn wurden neu vergoldet, nachdem der Hahn sich nicht mehr mit der Windrichtung hatte drehen wollen. Als die Turmzier durch die Firma Perrot am 10. Juni 2002 herabgenommen wurde, fand sich bei der Öffnung der Kugel folgender Inhalt: ein Reichskassenschein vom 31.10.1904 im Wert von fünf Mark, eine Reichsbanknote vom 21.04.1910 im Wert von zwanzig Mark, eine Reichsbanknote vom 19.11.1922 im Wert von fünfzigtausend Mark, eine Reichsbanknote vom 01.05.1925 im Wert von fünfhunderttausend Mark, eine Stuttgarter Zeitung vom 09.07.1956, ein Amtsblatt der Gemeinde Bonlanden vom 07.07.1956, eine Beilage des Evang. Gemeindeblattes vom November 1977 zu den kirchlichen Wahlen, ein Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Bonlanden vom Oktober 1977. Beigefügt werden am 16. Oktober 2002: eine Banknote der Deutschen Bundesbank vom 01.10.1993 im Wert von zehn Mark sowie eine Banknote der Europäischen Zentralbank von 2002 im Wert von fünf Euro. Am 16. Oktober 2002 wurde die Turmzier dann wieder montiert.

     

    Doch nicht nur außen, auch innen machten sich die Handwerker daran, das Gebäude nicht nur in seiner Substanz zu erhalten, sondern auch funktionaler und schöner zu gestalten. Die Kirchenschiffdecke sowie die Pfeiler wurden wieder in Grau gestrichen, so dass die Anbindung an die Chorbogen deutlich wurde. Die alte Pfarrertafel erhielt wieder einen Platz, dieses Mal allerdings im Kirchenschiff, ebenso kamen zwei der vier Emporenbilder von Pfennig wieder zu Ehren, nun jedoch an der Chorwand. Die Beleuchtung und die Heizung wurden komplett erneuert, ebenso die Sprechanlage. Die Bänke unter der Südempore wurden durch Stühle ersetzt, um mehr Flexibilität bei Aufführungen von Chören oder Kindergruppen zu erreichen. Der Taufstein wurde etwas mehr zur Wand hin versetzt und ein Taufbaum montiert, an den auf grünen Holzblättchen die Namen der Täuflinge und das Taufdatum zu stehen kamen. Die von Straub entworfene Kanzel aus Eichenholz wurde über das Evangelische Gemeindeblatt an die Kirchengemeinde Bibersbach verschenkt, allerdings ohne das Kapitell, das vor dem Gemeindesaaleingang einen Ehrenplatz fand. Ihre Stelle nahm künftig ein Ambo aus Sandstein ein, passend zu den anderen beiden Prinzipalstücken Altar und Taufstein. Der Entwurf sowie die Ausführung des Ambos stammten von Waldemar Beck, der schon 1973/74 den Altar und den Taufstein gefertigt hatte.

     

    Am 9. und 10. November 2002 wurde die „Wiederinbetriebnahme“ der Kirche festlich begangen, und zwar am Samstagabend mit einem Konzert einer amerikanischen Gospelsängerin und am Sonntag mit einem Festgottesdienst, an den sich ein Gemeindefest mit Mittagessen, Kaffeetrinken und Kirchenführungen anschloss. Im Herbst 2003 wurde noch die Orgel generalüberholt und der Waschbetonbelag rund um die Kirche durch chinesischen Granit ersetzt, so dass unsere Georgskirche jetzt im wahrsten Sinne des Wortes rund um erneuert ist. Die gesamten Kosten beliefen sich abschließend auf ca. 640 000 Euro, von denen ein großer Teil durch Opfer und Spenden aus der Gemeinde aufgebracht wurde. Es ist unsere Bitte an unseren himmlischen Herrn, dass dieses Gotteshaus noch vielen Generationen als Ort Seiner Anbetung und der Verkündigung der frohen Botschaft Seines Sohnes Jesus Christus dienen darf. 

  • add Benutzte Literatur

    • Die Georgskirche zu Bonlanden, Allerlei Wissenswertes aus Vergangenheit und Gegenwart anlässlich ihrer Wiedereinweihung am 20. Oktober 1974, dargeboten von Friedrich Nething, Pfarrer, FS Bonlanden 1974
    • Kirchenkonvents- bzw. Kirchengemeinderatsprotokolle, Bonlanden 1735ff.
    • 100 Jahre CVJM Bonlanden e.V. 1900 – 2000, FS Bonlanden 2000
    • 50 Jahre Rückblick der heutigen Christlichen Allianzgemeinschaft Friedenshütte Bonlanden Filderstadt 4, 1933 – 1983, FS Bonlanden 1983
    • FS zur Einweihung des Gemeindehauses der Evang. Meth. Kirche Bonlanden/Plattenhardt, Bonlanden 1976
    • Filderstädter Schriftenreihe zur Heimat- und Landeskunde, Bd. 2, Die Martinskirche in Sielmingen, Kirche und Kirchengemeinde, Filderstadt 1989
    • Filderstädter Schriftenreihe zur Heimat- und Landeskunde, Bd. 12, Die Abendmahlskanne von 1768 in Bonlanden u.a., Filderstadt 1998
    • Evangelische Kirchen Bernhausen, Der etwas andere Kirchenführer, Bernhausen 2000
    • Antholianuskirche Plattenhardt, Plattenhardt o. J.
    • Unsere Kirche 1838 – 1988, Evangelische Kirchengemeinde Harthausen, Harthausen 1988
    • Oliver Auge, Stiftsbiographien, Die Kleriker des Stuttgarter Heilig-Kreuz-Stifts (1250 – 1552), Leinfelden-Echterdingen 2002
    • Heimatbuch Bonlanden auf den Fildern, Hg. im Jahr 1970 anläßlich der 700-Jahr-Feier der Gemeinde vom Bürgermeisteramt Bonlanden auf den Fildern, Bonlanden 1970
    • Beschreibung des Oberamts Stuttgart, Hg. von dem Königlichen statisch-topographischen Bureau, Stuttgart 1851
    • Das Amtsoberamt Stuttgart, Bearbeitet von Chr. Böhm/A. Buck/K. Fischer, Vaihingen 1915
    • Gott und die Welt in Württemberg, Eine Kirchengeschichte, Hg. Von H. Ehmer/H. Frommer/R. Jooß/J. Thierfelder, Stuttgart 2000